Linguistik: Die Kinder Babels

"Es ist schwierig, sich eine Sprache ohne Substantive oder Verben vorzustellen. Aber das ist genau das, was Riau Indonesisch ist, nach David Gil, einem Forscher am Max Planck Institut für Entwicklungsanthropologie, in Leipzig. Dr. Gil hat Riau für die letzten 12 Jahre studiert. Zuerst sagt er, kämpfte er mit der Sprache, obwohl er fließend Standard Indonesisch spricht. Der Durchbruch kam, als er feststellte dass, was er als unterschiedliche Wortklassen angesehen hatte, tatsächlich grammatisch dieselben waren. Zum Beispiel, die Phrase "das Huhn isst", übersetzt sich in mündliches Riau als "makan ayam". Wörtlich bedeutet dieses "Huhn essen". Aber das gleiche Paar von Wörtern hat auch so unterschiedliche Bedeutungen wie "das Huhn bringt jemanden zum essen" oder "jemand isst, wo das Huhn ist". Es gibt, sagt er, keine Modifikatoren, die die Zeitformen der Verben unterscheiden. Noch gibt es Modifikatoren für Substantive, die das bestimmte vom unbestimmten unterscheiden ("der, die, das", im Vergleich mit "einer/eine/ein"). In der Tat gibt es keine Eigenschaften in Riau Indonesisch, die Substantive von den Verben zu unterscheiden. Solche Kategorien, sagt er, werden auferlegt, weil die Sprachen, mit der westliche Linguisten vertraut sind, solche Kategorien haben."

"Viele der Leute, die die moderne Linguistik entwickelten, hatten eine Ausbildung in Latein und Griechisch gehabt. Als Folge wurde Englisch häufig bis in das 20. Jahrhundert als Sprache, die sechs unterschiedliche Fälle hat, beschrieben - weil Latein sechs Fälle kennt. (Ein Fall ist, wie die Verwendung eines Substantivs grammatikalisch unterschieden wird, zum Beispiel als Objekt oder Subjekt). Erst vor kurzem haben Grammatiker eine Debatte über die Anzahl der Fälle im Englischen begonnen. Einige behaupten jetzt, dass es überhaupt keine Fälle kennt, andere behalten die Sicht aufrecht, das es zwei hat (einer für das besitzergreifende, der andere für alles andere) während noch andere behaupten, dass es drei oder vier Fälle gibt. Diese würden den Nominativ (für das Thema eines Satzes), den Akkusativ (für seinen Gegenstand) und den Genitiv (Besitz anzeigen) einschließen."

"Dr. Boroditskys Experiment ist einfach. Versuchspersonen werden drei Abbildungen gezeigt, eine die eines Mannes, der im Begriff ist, einen Ball zu treten, eine des gleichen Mannes der einen Ball gerade getreten hat und eine dritte, von einem anderen Mann, der im Begriff ist, einen Ball zu treten. Sie werden dann gefragt, welche zwei der drei Abbildungen am ähnlichsten sind. Indonesier wählen im Allgemeinen die ersten zwei Abbildungen, die den gleichen Mann zeigen, während Sprecher des Englischen am ehesten die zwei Abbildungen auswählen, die zeigen das der Ball gerade getreten wurde - ein Hauptgewicht auf dem zeitlichen, anstatt dem räumlichen Verhältnis zwischen den hauptsächlichen Objekten in der Abbildung."

"Dr. Gil glaubt, dass dies sein könnte, weil Zeit, im Englischen, ein integrales grammatisches Konzept ist - jedes Verb muss eine Zeitform haben, sei es Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft. Im Gegensatz dazu, ist es auf Indonesisch, optional die Zeitform eines Verbs auszudrücken, und es wird daher nicht immer getan. "[Jan 8th 2004, The Economist]

Die richtige Sprache

Die Grammatik wurde in Griechenland erfunden oder eingeführt, als die Sprache anfing alt zu werden; die großen Dichter der Griechen hatten noch keine Grammatik gekannt. Wir können uns in diesen Zustand deshalb kaum mehr hineindenken, weil bei uns einerseits die Grammatik von frühester Jugend an geübt wird, anderseits Sprachrichtigkeit mit Schriftgrammatik verwechselt wird. Es klingt paradox, ist aber doch wahr: grammatikalische Fehler konnten vor der Erfindung der Grammatik gar nicht gemacht werden. SOPHOKLES konnte unmöglich gegen die Grammatik verstoßen, so wenig als ein plattdeutscher Dorfjunge gegen die innere Grammatik seiner Sprache sündigt.

Es ist vom Standpunkt unserer Sprachkritik selbstverständlich, ja es ist nur einer ihrer unwesentlichsten Ausgangspunkte, daß die Gemeinsprache eines Volks, die richtige Sprache, oder wie man die Sache nennen will, nur eine leere Abstraktion sei.

Der Hauptunterschied zwischen dem Recht eines Gesetzbuches und der richtigen Sprache besteht darin, daß die Sprache (seltene Fälle bei wilden Völkerschaften und bei den Franzosen ausgenommen, wo der Gebrauch eines Wortes wirklich mitunter von den vierzig Tyrannen der Akademie verboten wurde) gar nicht mit Erfolg kodifiziert werden kann. Unsere Wörterbücher und Grammatiken sind Privatarbeiten. Sie fassen die Regeln der augenblicklich gesprochenen Sprache zusammen, wie zur Zeit des Gewohnheitsrechts diese Regeln bereits von privaten Sammlern zusammengestellt worden sind, in den älteren Coutumes der Franzosen, in unserem Sachsenspiegel usw.

Wir wissen das alles, wir wissen ferner, daß selbst unter den Auserwählten eines Volkes, die sich wie die Schauspieler, Prediger und Abgeordneten besonders ihrer richtigen Sprache rühmen, niemals zwei genau die gleiche Sprache reden, wir wissen, daß die richtige Sprache eine ungefähre Gewohnheit ist, die Resultierende des allgemeinen Gebrauchs, mit der keine einzige Linie des wirklichen individuellen Gebrauchs vollkommen zusammenfällt. Wir wissen, daß die richtige Sprache zu jeder einzelnen, wenn auch noch so peinlichen Sprache sich verhält, wie die ideale, niemals noch geschaute, mathematische Kreislinie zum Bleistiftkreis auf dem Papier. Und selbst dieser Vergleich erweist der richtigen Sprache zu viel Ehre. Den idealen Kreis kann sich der Mathematiker wenigstens begrifflich denken. Die ideal richtige Sprache können wir uns nicht einmal denken, weil sie sich nicht aus Begriffen konstruieren läßt, sondern immer auf ein Ungefähr zwischen den Menschen zurückgeht. [Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache II, Ffm/Berlin/Wien 1982]

Das Gehirn liebt Musik und betreibt großen Aufwand mit der Analyse

"Früher sind Wissenschaftler davon ausgegangen, daß es auf der rechten Gehirnseite ein "Musikzentrum" gibt. Doch das stimmt nicht, wie Neurowissenschaftler in den letzen zehn Jahren herausgefunden haben. Sondern beim Musikhören sind viele Gehirnregionen und neuronale Netze aktiv."

"Musik ähnelt der Sprache. Ob aber bei der Verarbeitung von Musik und bei der von Sprache auch die gleichen neuronalen Netze aktiv sind, darüber sind sich Wissenschaftler nicht einig. Dr. Stefan Kölsch vom Max-Planck-Institut für neuropsychologische Forschung in Leipzig meint, unser Gehirn habe einen Sinn für Musik, der im wesentlichen ähnlich funktioniert wie bei der Analyse von Semantik und Syntax der Sprache." [Ärzte Zeitung, 25.07.2003]



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