Etymologie
Sakrileg
bezeichnet ein Vergehen gegen heilige Objekte oder Personen (z.B. Tempelraub, Entweihung eines heiligen Bodens) - lateinisch: aus sacer = heilig + legere = sammeln, stehlen, (aus)lesen.
Blasphemie
bezeichnet eine verbale Entweihung, die das öffentliche Leugnen, Verhöhnen oder Verfluchen bestimmter Glaubensinhalte einer Religion beinhaltet - griechisch aus blaptein = beschädigen + pheme = Ruf, Ansehen, Rede. Daher kommt auch, über den Umweg des altfranzösischen (blasmer), das englische "to blame".
Häresie
(Ketzerei) bezeichnet im engeren Sinne eine religiöse oder fromme Meinung oder Lehre die im Gegensatz zur römisch-katholischen oder orthodoxen Lehre der christlichen Kirche steht.
Im weiteren Sinne bezeichnet der Begriff dann die Opposition oder abweichende Meinung zu irgendeiner Kirche, Credos oder frommen Systems, oder zu einer Lehre in der Philosophie, Politik, Wissenschaft, Kunst, etc. - griechisch aus hairein = Wahl, Auswahl.
Zusammenfassung: Dan Brown "Sakrileg" (The Da Vinci Code)
Dan Brown
Der ehemalige Englischlehrer Dan Brown (Jahrgang 1964) ist einer der auflagenstärksten Autoren der Gegenwart. Sein Roman „Sakrileg“ (2004) mit dem Originaltitel „The Da Vinci Code"(2003) wurde weltweit 50 Millionen Mal verkauft (Stand 2006). In Deutschland ging der Thriller „Sakrileg“ 4 Millionen Mal über den Ladentisch. Übersetzungen sind in 44 Sprachen erschienen und die Verfilmung erschien 2006 unter dem Titel „The Da Vinci Code – Sakrileg“
Dan Brown wurde inzwischen vom Vorwurf des Plagiats freigesprochen. Er habe angeblich für seinen Roman Passagen aus den 1982 und 1983 erschienenen Büchern „Der Heilige Gral und seine Erben“ (Holy Blood, Holy Grail) und „The Messianic Legacy“ von Michael Baigent, Henry Lincoln und Richard Leigh, abgekupfert.
Sakrileg – Inhaltsangabe
Robert Langdon, Professor für religiöse Symbolforschung aus Harvard, ist in Paris, als der Chefkurator des Louvre mitten in der Nacht vor dem Gemälde der Mona Lisa ermordet aufgefunden wird. Allerdings hatte der Ermordete noch im Sterben eine Botschaft an seine Enkelin Sophie Neveu hinterlassen, die als Kryptologin bei der Pariser Polizei arbeitet. Langdon, der von der Polizei in den Louvre beordert wurde, wird von Bezu Fache, dem zuständigen Kommissar verdächtigt, und flieht. Zusammen mit Neveu findet er heraus, dass der Museumsdirektor ein Großmeister der Geheimbruderschaft „Prieuré de Sion“ war, der auch Leonardo da Vinci, Victor Hugo und Isaac Newton angehörten.
Weitere Hinweise deuten auf den „Heiligen Gral“ (ein wundertätiges Gefäß in Form einer Schale). Daher suchen Langdon und Neveu Rat bei Langdons altem Freund, Sir Leigh Teabing, einem Gralsforscher. Mit ihm zusammen entdecken sie ein großes Geheimnis, welches der ermordete Jacques Saunière bis zu dem Mord bewahrte, und das hier in einer kurzen Zusammenfassung beschrieben werden soll: nicht nur war Jesus mit Maria Magdalena verheiratet, sondern hatte auch ein Kind mit ihr. Die Nachfahren Jesu leben heute noch in Frankreich (natürlich gehört Neveu dazu). Die katholische Kirche (insbesondere der Orden „Opus Dei“, die Geheimbruderschaft „Prieuré de Sion“ und die Tempelritter) versucht verständlicher Weise, diese Information geheim zu halten, denn wenn sich zeigen sollte, dass Jesus ein normal-sterblicher Mensch war und seine Nachfahren noch leben, dann würde die katholische Kirche in die größte Krise ihrer Geschichte stürzen.
Maria Magdalena als Jesus Ehefrau
Seit dem 12. Jahrhundert ranken sich zahlreiche Legenden um den „Heiligen Gral“ (zunächst im Zusammenhang mit der Artussage). Im christlichen Umfeld ist er als ein Kelch beschrieben, dem beim „Abendmahl“ vor der Kreuzigung, von Jesus selbst, wundersame Fähigkeiten zugeschrieben wurden.
Die BBC-Reporter Henry Lincoln, Michael Baigent und Richard Leigh interpretieren in ihrem pseudowissenschaftlichen Buch von 1982 „Der heilige Gral und seine Erben" das französische „San Greal“ als bewusst verschlüsseltes „Sang real“, also als „königliches Blut“.
Weiter spekulieren sie, dass Magdalena nicht nur mit Jesus verheiratet und von ihm schwanger war, sondern nach dem Kreuzestod gemeinsam mit Josef von Arimathäa nach Gallien geflohen sei. So hat sie buchstäblich das Blut Christi mit sich nach Europa getragen und sei selber der Heilige Gral.
Grundlage dieser Spekulationen waren gut gefälschte Dokumente des Franzosen Pierre Plantard (* 1920 - † 2000), welche die BBC-Reporter für glaubwürdig hielten. Diese Dokumente weisen auf die angebliche Geheimgesellschaft "Prieuré de Sion" hin, die Stammbäume der Nachkommen von Jesus und Maria Magdalena verwaltet.
Dan Brown greift diese Ideen auf und behauptet zudem, dass Leonardo da Vinci in seinem Gemälde „Das letzte Abendmahl“ diese Wahrheit verschlüsselt darstellt: Die bartlose Person rechts von Jesus (normalerweise als der Evangilist Johannes interpretiert) sei Maria Magdalena. Auf dem Gemälde wird zwischen den beiden ein mit der Spitze nach unten zeigendes Dreieck angedeutet. Dies sei sowohl das Symbol für den weiblichen Mutterschoß als auch allgemein für das göttlich Weibliche. Der besagte Kelch (Gral) fehle auf dem Bild, weil Maria Magdalena der Heilige Gral sei. So habe Leonardo da Vinci „codiert“ dieses Geheimnis der Nachwelt mitgeteilt - daher der englische Originaltitel „The Da Vinci Code“.
Dan Browns Bestsellerroman "Sakrileg" [Quelle: WDR5, Scala]
Im Buch wird ein Sakrileg begangen, es wird behauptet, Maria Magdalena hätte eine Tochter
mit Jesus gehabt. Der Autor stellt eine einfache Gleichung auf: Der heilige
Gral war das Gefäß, das Jesus Blut umschloss - folglich ist Maria Magdalena der
heilige Gral!
Dan Brown greift Themen auf, die im Moment Hochkonjunktur haben, wie
Verschwörungstheorien, Geheimbünde und Verschlüsselungstechnologien. Ein soeben
erschienenes Buch von Marie-France Etchegoin und Frédéric Lenoir widmet sich
der Überprüfung der Thesen im "Sakrileg". Scala steigt ein in die
Debatte um Dan Browns Entdeckungen.
Autorin (Mithu Sanyal):
[…] Seit Erscheinen des Thrillers vor zwei Jahren sind über vierzig Bücher geschrieben, mehrere Filme gedreht und unzählige Artikel veröffentlicht worden. Wobei Langbeins Studie zu den seriösesten zu zählen ist. Ebenso wie das aktuelle Buch „Das Geheimnis des Da-Vinci-Code“ von Marie-France Etchegoin und Frédéric Lenoir, in dem die dramatischen Enthüllungen Browns auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden. Dass Brown echte Gemälde - und zwar nicht irgend welche, sondern die berühmtesten Bilder der Welt - gewählt hat, um an ihnen seine Handlung zu entwickeln, war ein geschickter Schachzug. Es gibt seinen im Laufe des Romans entwickelten Theorien den Anstrich von Realität und bedeckt potentielle Zweifel mit einer dicken Schicht aus Tempera und Ölfarbe.
[…]
Autorin (Mithu Sanyal):
Neben der „Mona Lisa“ galt die Aufmerksamkeit vor allem Leonardos zweitberühmtestem Gemälde, dem „letzten Abendmahl“. Was darauf versteckt sein soll, führt die Autorin Lynn Picknett aus, die sich mit Büchern über den heiligen Gral und das Turiner Grabtuch einen Namen gemacht hat. Ihr Hauptwerk „The Templar Revelation“ - „die Enthüllung der Templer“ - war die direkte Inspiration für Browns Megaseller und wird in dem Thriller sogar namentlich erwähnt.
Sprecherin (Übersetzung: Lynn Picknett, Coautorin von „Templar Revelation“):
„Neben Jesus sitzt eine Figur, die sich von ihm weg lehnt. Es soll sich dabei um den heiligen Johannes handeln. Bei näherem Hinsehen erkennt man aber, dass dieser Johannes eine Frau ist. Sie trägt ein Goldkettchen. Sie hat Brüste und zusammen mit Jesus bildet sie im Bild ein gigantisches M. Dieses M steht für Maria Magdalena. Die Templer glaubten, Maria Magdalena wäre Jesus Geliebte gewesen, seine heilige Sexpartnerin.“
Autorin (Mithu Sanyal):
Bereits die Wortwahl macht klar, in welchem Universum wir uns bewegen.
Es geht hier nicht um ordinären Sex sondern um dessen mystische Variante. Zusammen mit Crime ergibt das -- eine esoterische Verschwörungstheorie. Lynn Picknett und Dan Brown schmeißen mit Namen wie „Templer“, „Katharer“ und „Rosenkreuzer“ nur so um sich. Alle diese geheimen und nicht ganz so geheimen Gesellschaften sind bei ihnen jedoch keine patriarchalen Männerbünde, sondern beten ganz im Gegenteil Maria Magdalena an.
[…]
Autorin (Mithu Sanyal):
Nun dürfte es Brown schwer fallen, ernstzunehmende Wissenschaftler zu finden, die die Frage, mit wem Jesus vor 2000 Jahren geschlafen hat, noch für skandalös halten. Was jedoch stimmt ist, dass Christentum und Judentum die Tiefengramatik unserer kulturellen Verständigungsprozesse bilden. Dabei braucht es nicht einmal um komplexe ethische oder moralische Fragen zu gehen. Um das an einem banalen Beispiel zu verdeutlichen: Für uns gelten mehr oder minder die mosaischen Essensgesetze, die besagen, dass man nur Fischliches oder Fleischliches essen darf, aber nichts dazwischen. Weswegen uns bei dem Gedanken, Maden oder Larven zu verspeisen, Ekel befällt. In Frankreich dagegen konnten sich die mosaischen Essensgesetze nie in der selben Form durchsetzen, mit dem Ergebnis, dass für Franzosen Schnecken und Froschschenkel eine Delikatesse sind.
Wertvorstellungen, die auf einer so basalen Ebene wirken, sind natürlich ungleich brisanter, wenn es um das Verhältnis zwischen Männern und Frauen geht.
[…]
Sprecher (Übersetzung: Clive Prince):
„Man wundert sich oft über die Bezeichnung, der heilige Gral. Er hieß ursprünglich sang real, das mit der heilige Gral übersetzt wurde. Was dieser Gral also ist, er ist heilig. Seit Jahrzehnten fragen Leute nach der Bedeutung und niemand hat es je deuten können.“
Autorin (Mithu Sanyal):
Bis auf Prince, Picknett und Brown.
O-Ton Walter-Jörg Langbein:
„Diese Theorie zielt ja eigentlich darauf hin, Maria Magdalena also als den heiligen Gral zu bezeichnen. Sie ist aber in dieser Theorie nur das Behältnis.“
Autorin (Mithu Sanyal):
Und zwar wofür? Ein Tip: der Gral ist das Gefäß, das Jesus Blut umschließt, Maria Magdalena ist seine Ehefrau. Erfasst! Maria Magdalena ist das Gefäß, das sein Blut - sprich seine Kinder - austrägt. Eine wirklich revolutionäre Erkenntnis: Die Frau als Ehefrau und Mutter.
O-Ton Walter-Jörg Langbein:
„Wenn man genauer hinsieht, wird man feststellen, dass das Frauenbild von Brown sehr konservativ ist, dass er also im Prinzip das gleiche Frauenbild hat wie auch die katholische Kirche.“
Autorin (Mithu Sanyal):
Diedrich Diedrichsen prägte das geflügelte Wort: „Wahres Spießertum erkennt man an dem Verve, mit dem es auf Tabus von gestern einschlägt.“ Dass die Kirche eine lange unrühmliche Geschichte der Unterdrückung der Frau hat, ist ein solches Tabu. Wen regt es heute noch auf, das zu hören? Wer würde dem nicht jederzeit gähnend zustimmen? Durch den Märchencharakter von „Sakrileg“ - mit dem Christentum in der Rolle der bösen Hexe - verliert man vollkommen aus dem Blick, dass Maria Magdalena keine dröge Prinzessin ist, sondern eine wirklich faszinierende theologische Figur. So war beispielsweise sie - und nicht etwa einer der Jünger - die Verkünderin von Jesus Auferstehung.
O-Ton Walter-Jörg Langbein:
„Das spannende ist ja eigentlich dass, wenn man die Texte des neuen Testaments ernst nimmt, dann ist ja der Apostel, die Apostelin, der Mensch, der als Zeuge die Auferstehung erlebt hat und der auch einen Auftrag erhalten hat von Jesus, hinaus zu ziehen in die Welt. Insofern ist Maria Magdalena die eigentliche Ur-Apostelin und hätte demnach auch Anspruch gehabt auf die Nachfolge Jesu. Und das ist ja nicht der Fall gewesen. Sie ist ja ganz gezielt verdrängt worden, von Petrus erst und danach von Paulus. Wir kennen ja alle dieses berühmte Wort: das Weib schweige in der Kirche.“
Autorin (Mithu Sanyal):
Die Predigerin Maria Magdalena schwieg jedoch keineswegs. Die Kirche brauchte Jahrhunderte, um sie zu der knienden und weinenden Frau zu machen, die aus der Ikonographie bekannt ist. Dafür mussten sie sie erst mit einer anderen Figur im neuen Testament gleichsetzen, einer namenlosen Sünderin, die nur ein einziges Mal auftaucht, um Jesus Füße mit ihren Tränen zu waschen und ihren Haaren zu trocknen.
O-Ton Walter-Jörg Langbein:
„Und es hat ja einige Jahrhunderte gedauert bis die katholische Kirche verlautet hat, dass die Gleichsetzung falsch ist.“
Autorin (Mithu Sanyal):
Genauer gesagt bis 1969. In den Köpfen der Gläubigen blieb Maria Magdalena jedoch auch danach eine Sünderin, und weil man bei sündigen Frauen nur an eines denkt: eine Prostituierte.
Die um Vergebung bettelnde Magdalena wurde Generationen von Frauen und Mädchen als Vorbild vorgehalten und beförderte die Gleichsetzung von Weiblichkeit und Passivität enorm. Später wurde das Ideal der schweigenden Magdalena ganz konkret als Argument benutzt, um Frauen das Priesteramt zu verbieten. Dabei ist Maria Magdalena als Verkünderin der Wiedergeburt Jesu, eigentlich der Gegenpol zu der aufs Zuhören beschränkten Jungfrau Maria, der die Tatsache, dass die Jesus gebären würde, von einem Mann, nämlich dem Erzengel Gabriel, verkündet werden musste.
Für eine feministische Auseinandersetzung mit der Rolle, die der Frau in der Kirche und damit im christlichen Abendland zugewiesen wurde, ist das deutlich relevanter als Dan Browns esoterische Phantasien einer heiligen Hure, die von den - wiederum männlichen - Hohenpriestern eines Geheimbundes geschützt werden muss. Auch wenn sich unter diesen Hohenpriestern angeblich so beeindruckende Männer befunden haben sollen wie Leonardo da Vinci.
Interpretation / Horoskope