Begriff: Performativ / Performanz
Der Begriff "Performativ / Performativität" wurde von John Langshaw Austin (Zur Theorie der Sprechakte, Reclam, 1972; How to do things with words; Harvard University Press, 1962) geprägt und beschreibt eine Klasse sprachlicher Konstruktionen. Beispiel: "Ich taufe dieses Schiff auf den Namen 'Enterprise'." Sozusagen im Augenblick des Sprechens wird diese Aussage "Wirklichkeit". Auch der Satz "She/He is the one" kann performativ angewandt werden. Noch ein Beispiel aus dem Alltag: "Hiermit distanzieren wir uns von den Inhalten aller gelinkten Seiten." Es wurde von Austin u.a. darauf hingewiesen, dass solche Konstruktionen nur in einem bestimmten sozialen und semiotischen Umfeld sinnvolle Aussagen ergeben. D.h. die Beachtung gewisser Regeln ist notwendig. Mit "Es werde Licht" funktioniert es eben eher seltener.
Ein Phänomen: Da kommt ein Begriff "Lebenslanges Lernen" oder auch "nachhaltiges Wirtschaften" daher, niemand weiß eigentlich woher, und unser Umgang mit den Begriffen tut dann so, als wäre der Inhalt neu, und bis zur Begriffs-"Prägung" nicht existent. Was nicht stimmt, die Begriffe bezeichnen etablierte Tatbestände, möglicherweise pointiert, oder aus einer speziellen Perspektive, die aber dann nicht benannt wird. Oder sie verwenden einen bekannten Tatbestand, der bisher ohne expliziten Begriff daher kam, um neue Inhalte einzuführen (siehe "Lebenslanges Lernen"). Immanuel Kant schrieb: "Begriff ohne Anschauung ist leer, und Anschauungen ohne Begriff sind blind."
Magische Rituale sind in allen Religionen vertreten, und werden nach wie vor in unserer modernen Welt, von vielen als Hilfe zu allen möglichen Problemen angesehen, als Beispiel sei auf die Horoskope verwiesen. Auch im Altertum spielten sie eine wichtige Rolle, in der Kommunikation mit der Gottheit, die in einem ersten Schritt durch einen Götternamen bezeichnet wurde - um überhaupt ansprechbar zu sein.
Performativer Selbstwiderspruch
Zitat: Es ist bedauerlich, dass man unter den Menschenrechten das Recht vergessen hat, sich selbst zu widersprechen. [Charles Baudelaire]
Ein performativer Widerspruch ist ein Widerspruch, der durch Sprechakte hervorgebracht wird, deren Inhalt zumindest formal, als wahr angenommen werden (muss). Zum Beispiel: "Ich bin sprachlos". In diesen Widersprüchen widerspricht der Inhalt der Proposition der Bedingung ihrer Ausführung.
Ein weiteres Beispiel, ist das Paradoxon des Epimenides: Ein Kreter sagt: "Alle Kreter sind Lügner".
Alltags-Rituale und Erziehung in Familien
(im Rahmen des Projektes Die Hervorbringung des Sozialen in Ritualen und Ritualisierungen innerhalb des SFB Kulturen des Performativen): "Im Zentrum des Projektes stand die empirische Erforschung des Essensrituals in vier Familien. Unter Einsatz von Gesprächsanalysen, Teilnehmender Beobachtung, Gruppengesprächen und Leitfadeninterviews wurde das gemeinsame Familienessen als Rituale unter der Fragestellung analysiert, inwieweit hier die Familie als Bildungs- und Sozialisationsinstanz einerseits und als Gemeinschaft andererseits hervorgebracht, beglaubigt und bestätigt wird, und wie sich Erziehung in den Familien während des Essens konkret vollzieht." [Kathrin Audehm, Universität Berlin]
Religionsgeschichte und Ritualistik
"[…] Im Zusammenhang zum Beispiel mit Aktionskunst und weltweiten politischen Protestbewegungen hat seit den 1960er Jahren die performative Dimension kulturellen Handelns stärkere Aufmerksamkeit gefunden. Performanz verbindet abstrakte präskriptive Systeme (beispielsweise Normen) mit dem diffusen Bereich sozialer Praxis: Im Unterschied zum Alltagsverhalten bezeichnet Performanz einen Handlungsmodus, in dem in einem bestimmten Kontext (etwa auf einer Bühne) Beobachten und Agieren miteinander vermittelt werden, wobei die Beobachterperspektive in Ritualen mitunter von metaempirischen Wesenheiten ('Göttern'; Anmerkung: siehe auch Götternamen) repräsentiert wird.
Ein weiteres Charakteristikum von Performanz ist die Aufhebung der Trennung von Geist und Körper: Körperhaltungen und -bewegungen sind in Ritualen zentral - der stimmliche Vortrag bestimmter Texte etwa ist für Rituale konstitutiv, nicht aber unbedingt ihre geistige Durchdringung. Im Rahmen dieser Entdeckung der performativen Dimension der sozialen Wirklichkeit hat sich in der Religionswissenschaft das Interesse von präskriptiven Systemen wie Theologien zu performativen Sequenzen wie Ritualen verlagert.
Der religionswissenschaftliche Zugang zum Thema "Rituale" schwankt zwischen zwei Zugangsweisen: Deskription und Theorie. Fast jede Darstellung von Religionen beinhaltet die Beschreibung von Ritualen. Gerade die Vieldimensionalität und die Multimedialität von Ritualen machen die Ritualdeskription zu einer schwierigen Angelegenheit, die stilistisches Geschick erfordert. An Ritualen sind oftmals eine Vielzahl von Akteuren beteiligt, die für ihre Aufführung unterschiedliche Qualifikationen benötigen. Die Gestaltung der Rituale-Szenerie umfasst mehrere Ebenen, und Rituale aktivieren zumeist mehrere Sinnesorgane. Für die Ritualbeschreibung hat das zur Konsequenz, dass mehrere Perspektiven (Beobachter/Akteure; Priester/Laien; Frauen/Männer etc.) reflektiert und verschiedene technische Instrumentarien (Text, Ton, Photographie, Kameras) eingesetzt werden müssen. Die verschiedenen Medien sind über das Internet in unterschiedlichen Kombinationen "synthetisch" abrufbar." [Dr. Michael Stausberg, Universität Heidelberg]
Rituale, nicht der Glaube, begründen den sozialen Zusammenhalt innerhalb religiöser Gemeinschaften
Rituale, nicht der gemeinsame Glaube, liefern den Zusammenhalt, der religiöse Gemeinschaften über einem langen Zeitabschnitt zusammenhält, sagt einen Penn State Soziologe. "Mitglieder einer Versammlung können vermuten, dass sie einen gemeinsamen religiösen Glauben halten, aber es ist religiöse Rituale, das die Glaubensgemeinschaft begründet und aufrechterhält." sagt Dr. Daniel B. Lee Professor der Soziologie am Penn State Campus DuBois.
"Dieses ist ein wesentlicher Faktor für das Verstehen der sozialen Struktur der religiösen Gemeinden und des Verhältnisses zwischen Rituale und Glauben," bemerkt Lee. "Während eine Einzelperson einen aufrichtigen religiösen Glauben haben kann, hat eine Gruppe keinen allgemeinen Verstand und kann keinerlei Glauben haben. Glaube erreicht seine soziale Relevanz durch Handlungen. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem Handlungen entstehen, ist Religion sozial bedeutungslos."
Lee stellte heute (24. August) die Veröffentlichung "Über die soziale Bedeutung und Bedeutungslosigkeit der Religion" bei dem jährlichen Treffen der "American Sociological Association" vor. "Viele Religionsgruppen haben nie den Wunsch geäußert, allgemeine Glaubensregeln oder eine Orthodoxie
(Anmerkung: von griechisch "orthós" = "richtig, geradlinig" und "dóxa" = "Lehre, (Gottes-)Verehrung", also zusammen: 'Rechtgläubigkeit')
zu etablieren. Die gelebte Praxis ist typischerweise der entscheidende Punkt, auf den es ankommt", sagt Lee. "Die Mennoniten
(Anmerkung: auch "Altevangelisch Taufgesinnte" bzw. "Alttäufer" genannt; sie stellen eine reformierte christliche Konfession in der Tradition der Täufer da)
und Amischen sind hierfür gut Beispiele. Trotz der weithin bekannten und respektierten Übereinstimmung im Verhalten der zwei Gruppen, sind die religiösen Glaubensvorstellungen einzelner Mitglieder häufig fließend und nicht strukturiert."
Übersetzung von » Religion: Rituals, not beliefs, provide the social glue for religious communities
Performative Konstruktionen von sozio-kulturellen Identitäten bei Frauen in Südorissa / Indien
"Ziel des Forschungsvorhabens ist es zu untersuchen, wie Frauen im indischen Südorissa in verschiedenen sozialen Kontexten an sie herangetragene Rollenerwartungen verstehen, verinnerlichen, legitimieren, zur Schau stellen, modifizieren oder auch zurückweisen. In anderen Worten: es geht um die Konstruktion, Aushandlung und Essentialisierung von sozio-kulturellen Identitäten von Frauen. Die konkreten Untersuchungseinheiten bestehen dabei aus "cultural performances" (Singer), d.h. aus kollektiven Ereignissen unterschiedlicher Art: Rituale im häuslichen Kontext, öffentliche Prozessionen, Jahresfeste, Heil-Rituale etc.
Im Vordergrund stehen dabei zunächst ethnographische Fragen: An welchen kulturellen Performanzen sind Frauen in Südorissa überhaupt beteiligt? Welche eigenen Performanzen haben sie geschaffen? Angestrebt ist also ein genuiner Beitrag zur Ethnographie Indiens. In einem weiteren Schritt soll dem "performativen" Wesen von Identität, Identitätsbildung und -wandel auch auf theoretischer Ebene nachgegangen werden. Identität wird dabei als dynamische, relative und situationsbezogene soziale Größe verstanden, die kontinuierlicher Neuauslegung, Verhandlung und Änderung durch die Akteure unterworfen ist. [Burkhard Schnepel, Beatrix Hauser, Kumar Nayak, Universität Halle]
Die Zeit - Wissen : Piep, Piep, Piep - Guten Appetit!
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»Erziehung bei Tisch. Zum Zusammenhang von Rituale und Performativität« lautet der Arbeitstitel von Audehms Doktorarbeit. Anthropologen in aller Welt haben ein neues Forschungsgebiet entdeckt: AlltagsRituale. Früher studierten sie das Klassenbewusstsein brasilianischer Plantagenarbeiter oder Fruchtbarkeitstänze im afrikanischen Busch, heute finden sie ihre Forschungsobjekte in der eigenen Nachbarschaft, mitten in der modernen Gesellschaft.
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Und auch der kurze Kuss zwischen Liebenden, bevor sie schlafen gehen, hat eine tiefere Bedeutung, als lediglich Zärtlichkeit zu vermitteln. »Häufig werden diese Rituale erst dann bewusst vermisst, wenn sie einmal vergessen oder im Streit nicht vollzogen werden«, schreibt Lorelies Singerhoff in ihrem soeben erschienenen Buch Rituale (mvg Verlag). »Die Macht der Alltags-Rituale liegt darin, dass sie sich unendlich geschickt anpassen«, sagt der Anthropologe Christoph Wulf
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Rituale bringen durch ihre Festlegung und Wiederholung einen vertrauen- erweckenden, beruhigenden Hintergrund ins Leben, hat Singerhoff festgestellt. Kindern, denen jeder Tag eine Fülle von Neuigkeiten bringt, gibt es ein Gefühl der Sicherheit, wenn sich manche Dinge nicht ändern: Jeder Abend muss vom Vorlesen der Gutenachtgeschichte bis zur exakten Reihenfolge Kuss - Zudecken - Licht aus genau gleich ablaufen. Und wehe, wenn der Babysitter dieses Rituale nicht kennt!
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»Das Schöne an den Ritualen ist, dass man nicht an sie glauben muss«, sagt der Indologe Axel Michaels, Sprecher des Sonderforschungsbereichs Ritualdynamik an der Universität Heidelberg, »man muss sie einfach nur machen.« Deshalb ist es auch für viele ungläubige Jugendliche selbstverständlich, zur Konfirmation oder zur Firmung zu gehen. »Auch bei einer Hochzeit müssen die Eheleute nicht an die ewige Liebe glauben, damit das Rituale gültig ist.«
[Quelle: » Andrea Schuhmacher ZEIT Wissen 06/2006]
‚Aging trouble‘. Aging Studies und die diskursive Neubestimmung des Alter(n)s
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Für meinen Ansatz bildet die Performativitätstheorie Judith Butlers ein wichtige Grundlage. Butler benennt „drei kategoriale Dimensionen der signifikanten Leiblichkeit“ in bezug auf das Geschlecht: das anatomische Geschlecht (sex), die geschlechtlich bestimmte Identität (gender identity) und die Performanz der Geschlechtsidentität (gender performance).(5)
Überträgt man diese drei Kategorien auf das Alter, das ebenso wie Geschlecht als Dimension signifikanter (also bedeutungstragender) Leiblichkeit angesehen werden kann, so ergibt sich die Unterscheidung des biologischen Alters von der Altersidentität und der Performanz der Altersidentität. Alter wird nicht nur biologisch und pathologisch bestimmt, kalendarisch gezählt, gefühlt und sozial normiert, sondern eben auch performativ inszeniert – und das sowohl unbewußt als auch strategisch geplant. Butler verknüpft in ihrer Verwendung des Performanzbegriffs den Aspekt der Ausführung mit dem der Aufführung, wenn sie eine performative Handlung als eine solche charakterisiert, „die das, was sie benennt, [selbst, Anm. d. Verf’in] hervorruft oder in Szene setzt.“(6)
Unter Performativität versteht sie die „die ständig wiederholende und zitierende Praxis, durch die der Diskurs die Wirkungen erzeugt, die er benennt.“(7)
In Übertragung eines auf das Geschlecht bezogenen Zitats von Judith Butler läßt sich so die These aufstellen: Die Akte, Gesten und Inszenierungen des Alters „erweisen sich insofern als performativ, als das Wesen oder die Identität, die sie angeblich zum Ausdruck bringen, vielmehr durch leibliche Zeichen oder andere diskursive Mittel hergestellte und aufrechterhaltene Fabrikationen/Erfindungen sind“.(8)
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5 Judith Butler. Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt/M. 1991. S. 202.
6 Judith Butler: Für ein sorgfältiges Lesen, in: Seyla Benhabib, Judith Butler, Drucilla Cornell, Nancy Fraser: Der Streit um die Differenz. Feminismus und Postmoderne in der Gegenwart. Frankfurt/M. 1993. S. 122-132. S.
124.
7 Judith Butler: Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Aus d. Amerikanischen v. Karin Wördemann. Berlin 1995. S. 22. (Titel der Originalausgabe: Bodies that Matter. New York 1993.)
8 Judith Butler. Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt/M. 1991. S. 200.
[Quelle: » Dr. Miriam Haller, Universität zu Köln 30. Green Ladies Lunch, 2009]
Interpretation / Horoskope