Einige Auszüge aus Artikeln, die inhaltliche Kritik zu den Themen Wissensgesellschaft und Lebenslanges Lernen enthalten.
Reflexionen über die notwendige Fundierung eines bildungspolitischen Slogans
"Neue Produktionskonzepte sowie insgesamt Veränderungen aufgrund mehr systemischer statt tayloristischer Rationalisierungsmaßnahmen im technischen wie im kaufmännischen Sektor führten zu einem erhöhten Bedarf an flexibel denkenden und handelnden Menschen. Die Komplexität und die Dynamik dieser Veränderungsprozesse nehmen derartig zu, dass die Handlungs- und Lernfähigkeiten von Menschen und Sozialsystemen permanent auf die Probe gestellt sind."
"'Informelles Lernen' bezeichnet ein Lernen, das in wechselnden Lebens- und Arbeitssituationen, also nicht in planmäßig geregelten Bildungsveranstaltungen (ebenda, 29), mithin "curricular nicht festgelegt" offen, selbstbestimmt und praxisnah als eine Art "natürliches Lernen" aus reflektierender Erfahrungsverarbeitung heraus stattfindet. Demgegenüber wird von 'formalem Lernen' gesprochen, wenn das Lernen institutionell veranlasst, planmäßig strukturiert und mit anerkanntem Abschluss versehen wird (ebenda)."[TADE TRAMM & LOTHAR REETZ, Universität Hamburg]
Die Gesellschaft von morgen
"Ein noch heisseres Eisen ist das Thema der Zuwanderung. Das angesehene Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin schätzt, dass Deutschland ab dem Jahr 2020 jährlich eine Million Zuwanderer brauchen wird, um den Bestand der Arbeitskräfte zu erhalten."
"Der Unterschied zu früheren Zeiten besteht darin, dass heute eine ständige Fortbildung bereits gut ausgebildeter und mit einem grossen Fachwissen ausgestatteter Erwachsener erforderlich ist. Früher war mit dem Eintritt in das Berufsleben die Ausbildung beendet - in der Wissensgesellschaft dagegen hört die Ausbildung nie auf."
"Wissensarbeiter aller Art neigen dazu, sich mit ihrem Wissen zu identifizieren. Wenn sie sich jemandem vorstellen, sagen sie: "Ich bin Anthropologe", oder: "Ich bin Physiotherapeut." Sie mögen stolz auf die Organisation sein, für die sie arbeiten, sei es eine Gesellschaft, eine Universität oder eine staatliche Institution, doch sie arbeiten "für die Organisation", womit sie sagen wollen, dass sie nicht "zu ihr gehören"." [Peter Drucker, Die Weltwoche 01/2002]
Mit dem Kopf in den Wolken: Europa hofft, die überragende wissensbasierte Wirtschaft der Welt zu werden. Unwahrscheinlich.
Es gibt wenige Themen, über die europäische Führer lieber sprechen, als über ihre Pläne Europa, bis zum Ende dieser Dekade, in die konkurrenzfähigste "wissensbasierte Wirtschaft / Gesellschaft" der Welt zu verwandeln. Dieses Ziel wurde zuerst beim Gipfeltreffen der EU in Lissabon im März 2000 ausgebrütet und ist seitdem mit leidenschaftlicher Inbrunst wiederholt worden.
Um die volle Absurdität dieses erhrgeizigen Ziels zu fassen, ist es hilfreich die Humboldt Universität in Berlin zu besichtigen. Gehen Sie in das Hauptfoyer, schlendern Sie die Treppe zum ersten Stockwerk, vorbei an einem Slogan eines ehemaligen Studenten, der in Gold auf der Wand graviert ist ("Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern"[Karl Marx]). Studieren Sie die Portraits der Nobelpreisträger, die an den Wänden aufgehängt sind. Es gab acht von 1900-09, sechs von 1910-19, vier von 1920-29, sechs von 1930-39, einen von 1940-49 und vier von 1950-56. Die Liste der Würdenträger schließt solche Koryphäen wie Theodor Mommsen, Max Planck, Albert Einstein und Werner Heisenberg mit ein. Aber nach 1956 stoppen die Nobelpreise plötzlich.
Die Liste der Nobelpreisträger unterbewertet in Wirklichkeit den Ruhm der Universität in der Vergangenheit. Im 19. Jahrhundert ernährte sie nicht nur solche Weltklasse Intellektuellen, wie Hegel und Fichte, sie leistete auch Pionierarbeit im Aufbau einer neuen Klasse von Bildungseinrichtungen - der Forschungs-Universität. Und die Austrocknung der Nobelpreise seit 1956 ist nicht das einzige Anzeichen für die gegenwärtige Bedrängnis der Universität. Sie besetzt Platz 95 auf der Shanghai Liste, einen Platz von der Universität von Utah entfernt. Die Gebäude sind düster, Vorträge und Vorlesungen überfüllt, und einige der besten Professoren sind gegangen.
Apologeten könnten erwidern, dass die Humboldt Universität sich immer noch von ihrer Zeit auf der falschen Seite der Berliner Mauer erholt. Jedoch spiegeln sich ihre Probleme überall in Deutschland wieder, im Westen wie im Osten. Die am besten bewertete deutsche Universität in der Shanghai Liste, ist die Technische Universität München - auf Platz 45. Das Verhältnis von Kursteilnehmer zu Lehrern an den deutschen Universitäten ist bedrückend hoch. Bei einigen Vorlesungen sammeln sich Tausend oder mehr Kursteilnehmer in den Vorlesungssälen. Der einzige Punkt, wo deutsche Universitäten noch weltweit vorne liegen, ist das Alter ihrer Absolventen - 26 Jahre im Durchschnitt.
Übersetzung: [The Economist; SURVEY: HIGHER EDUCATION; Sep 8th 2005]
Wissen ohne Bildung? Auf dem Weg in die Lerngesellschaft des 21. Jahrhunderts
"Das 10. Kapitel kommt zur zentralen These: es kritisiert die Propagierung des selbstgesteuerten Lernens und flankierender Konzepte wie Lebenslanges Lernen, Lerngesellschaft oder konstruktivistische Lerntheorie. Weitere Abschnittte befassen sich mit entsprechenden Veränderungen beim pädagogischen Personal, bei den Teilnehmenden, die ihre Freizeit zur Qualifizierungszeit machen sollen, und bei den Institutionen, wo nicht mehr Bildungsziele, sondern Kostendeckungsgrade im Mittelpunkt stünden. Die Kritik wird am Schluss des Kapitels nochmals in sechs Thesen zusammengefasst (z.B. "Bildung ist mehr als Lernen").
Das 11. Kapitel stellt als Fazit die Frage "Das Jahrhundert der Bildung hat erst begonnen - wie geht es weiter?" Die zentrale These der Autoren lautet, dass Entfremdung und Ausbeutung im 21. Jahrhundert über das 'lebenslängliche' Lernen geschehe werde. " [C. Rohrer über "Hufer, Klaus-Peter; Klemm, Ulrich, Wissen ohne Bildung? Auf dem Weg in die Lerngesellschaft des 21. Jahrhunderts."]
Die Wissensgesellschaft
"Er legt dar, dass Wissen sich von anderen kulturellen Schemata durch die Gewissheit unterscheidet,
"dass sich unsere Vorstellungen auf eine Wirklichkeit beziehen, die unabhängig von unserem Denken existiert" [Martin Heidenreich].
Er entwickelt die These, dass unser Denken nur ein Modell der Wirklichkeit umschreiben kann, also unsere Vorstellung von Wirklichkeit, niemals die Wirklichkeit an sich.
"Wir können die Angemessenheit (die «Wahrheit») einer Vorstellung nur aufgrund ihrer Bewährung in der Praxis beurteilen (...)." [Martin Heidenreich]
Erst nachdem eine Vorstellung in der Praxis auf ihre Richtigkeit hin überprüft worden ist, wird sie als richtig anerkannt. Ein einfaches Beispiel: Jeder von uns erkennt das Modell der Gravitation, so wie wir es in der Schule gelernt haben, als richtig an, da uns tagtäglich bewusst wird, dass Dinge nach unten fallen. Heidenreich spricht von einer
"sozial konstruierte(n) Realitätsgewissheit" [Martin Heidenreich],
die Voraussetzung dafür ist, dass erworbenes Wissen in der Praxis angewendet werden kann. In diesem Sinne also kann Wissen gleichgesetzt werden mit der Befähigung zum Handeln oder auch mit Handlungsvermögen. [Martin Heidenreich]
"Im allgemeinen Sprachgebrauch, werden die Begriffe Information und Wissen äußerst bedeutungsgleich verwendet. Es wird kein Unterschied mehr gemacht zwischen dem reinen Nachrichtenwert, der aus Daten gewonnen werden kann, und der Urteils- und Handlungskompetenz, die im Wissen ankert. Ebenso beschreiben die Begriffe 'Informationsgesellschaft' und 'Wissensgesellschaft' das gleiche politische, soziale und wirtschaftliche System, in dem wir heute leben. Ich bevorzuge es, von der 'Wissensgesellschaft' zu sprechen, da dieser Begriff das Paradigma treffender charakterisiert."
"Die Wissensgesellschaft als solche hat es folglich als Motor oder Ergänzung der Industriegesellschaft schon lange gegeben. Es wäre auch naiv zu glauben, dass Wissen in Industriezweigen wie Chemie oder Maschinenbau keine Rolle gespielt haben sollte. Dass der Begriff 'Wissensgesellschaft' derzeit in alle Munde ist, vor allem auch in denen der Politiker, ist aus diesen Gründen für viele Experten aus Soziologie und Wirtschaftswissenschaft nicht viel mehr als eine Modeerscheinung oder ein Werbegag."
"In der allgemeinen Begeisterung über die Wissensgesellschaft, wird schnell darüber hinweggesehen, dass ihr eigentliches Wesen und die Abgrenzung gegenüber der Industriegesellschaft, der wir ja entwachsen sein wollen, sehr verschwommen sind. Gleichgültig, welcher Definition von Wissen man sich anschließt, Wissen wird als Allgemeingut verstanden, an dem prinzipiell jeder partizipieren kann. Dem Wachstum des Wissens sind keine Grenzen gesetzt. Wissen ist somit weder ein neues noch ein knappes Gut, darüber hinaus ist der Begriff, wie zu Beginn erläutert, nicht eindeutig definiert; sehr schlechte Voraussetzungen also für eine neue Gesellschaftsform, die diesen Begriff zugrunde legt."[Michael Jendryschik » Charakter der Wissensgesellschaft ]
Bildungspathos und Erziehungswirklichkeit
[…] Voller Bewunderung blickten die Franzosen über den Rhein: Dort lag das Lese- und Bildungsland. Hartnäckig hielt sich bei unseren Nachbarn das Gerücht, deutsche Industrielle hätten in der Regel promoviert, die Mehrzahl der Beamten beherrsche seltene Sprachen wie Sanskrit und im Generalstab könne nur reüssieren, wer in der Lage sei, die "Kritik der reinen Vernunft" korrekt wiederzugeben. Aber nicht nur die oberen Schichten, jedermann in Deutschland war anscheinend gebildet und hatte sich durch Bildung diszipliniert.
[…] Die Franzosen können sich zwar nicht länger über "la Nationalmannschaft" lustig machen - aber sie stellen mit Genugtuung fest, dass sie in der OECD-Bildungstabelle sieben bis zehn Plätze vor uns liegen. In England bejubelt man den Spitzenplatz der eigenen Nation im Bildungscup und freut sich, die deutschen Besserwisser abgehängt zu haben.
[…] Die Aufregung über das schlechte Abschneiden im OECD-Bildungsvergleich war in der Bundesrepublik weitaus stärker als in vergleichbaren Ländern. Frankreich beispielsweise nimmt auch nur einen Mittelplatz im OECD-Feld ein, doch wurde dieser mit der den Franzosen eigenen Begabung zur Klassifikation, die schon Balzac an seinen Landsleuten bewunderte, umgehend zur Spitzenposition der unteren Hälfte hochstilisiert. Frankreich, so heißt es in offiziösen Verlautbarungen, habe nicht schlechter, in der Mathematik sogar besser abgeschnitten als die USA, es habe alle osteuropäischen Länder hinter sich gelassen, es stehe an der Spitze der "lateineuropäischen" Länder - vor allem aber: Es übertreffe in allen Kategorien Deutschland.
[…] Die Misere des deutschen Bildungssystems hat ihren Ursprung in einer fatalen Asymmetrie: wir überfrachten den Bildungsbegriff und verkennen die Erziehungswirklichkeit.
[…] Aufmerksam lauschen wir präsidialen Reden, s.a. Antrittsreden, in denen Bildung als innere Form, Seelenhaltung und moralische Widerständigkeit beschworen wird. Und dann werden wir durch die Schultragödie von Erfurt darüber belehrt, dass es ein deutsches Bundesland gibt, in dem ein Schüler, der das Abitur nicht besteht, keinerlei Bildungsabschluss vorzuweisen hat und damit ohne jede Möglichkeit der Korrektur zum gesellschaftlichen Außenseiter abgestempelt wird. Auch dies ist ein deutscher Weg: vom Bildungsideal zu schwärmen und den Alltag in den Institutionen zu verdrängen.
Nur in Deutschland kann in erhabenem Ton die Rede davon sein, "dass die wahre Erziehung eben in der Bildung besteht".7) Zu einer solchen Behauptung fehlen den anderen Europäern die Worte. Die meisten unserer Nachbarn müssen auf das Pathos des Bildungsbegriffs verzichten - und kompensieren diesen Mangel im Vokabular ihrer Muttersprache mit einer besseren Erziehungspraxis. "Bildung" gehört in Deutschland in den semantischen Umkreis von "Kultur", nicht von "Zivilisation".
[…] umgekehrt hätte es Bayern nichts geschadet, wenn der Ministerpräsident und seine Fachministerin über allem Stolz auf die eigene Schulpolitik nicht vergessen hätten, dass Bayern, wie Jürgen Baumert trocken bilanzierte, in seinen Schulleistungen, international gesehen, auch nicht mehr als das Bremen Kanadas ist. [Eröffnungsrede auf dem Kongress "McKinsey bildet"; Wolf Lepenies, 5. September 2002]
Siehe auch weitere Texte zum Thema Lifelong Learning auf Englisch.
Einen flüssigen Schreibstil entwickeln: » Dabei helfen diese Transition Words (auf Englisch), die übersichtlich nach Kategorien sortiert sind.
Interpretation / Horoskope