Gegen Interpretation?

Susan Sontag (die zeitweise mit Annie Leibovitz zusammen lebte), begründet in ihrer Essay-Sammlung "Against Interpretation" (1964) ihre Ablehnung derselben.

Die deutsche Übersetzung erschien 1966 und der Titel lautet etwas unglücklich "Kunst und Antikunst". Das Kernargument ist, das die Anwendung vorgegebener Regeln und die Herausnahme / Betonnung einzelner Aspekte das Kunstwerk als "Ganzes" auflösen und somit auch Inhalt und Form auseinanderreisen.

Sontag hat eine starke Abneigung gegenüber der von ihr so bezeichneten "zeitgenössischen Interpretation", die ein übergroßes Gewicht auf Inhalt oder Bedeutung legt, anstatt sehr aufmerksam auf die sinnlichen Aspekte einer Arbeit (Kunst-Werk) zu achten. Sie fordert die Ausbildung eines beschreibenden Wortschatzes, um zur Sprache zu bringen, wie das Werk erscheint, und um zu beschreiben wie es das tut, was es tut.

Sie arbeitet heraus, dass die Interpretation in ihrer modernen Inkarnation einen spezifischen "Zähmung"-Effekt hat: die Reduzierung der Freiheit einer subjektiven Reaktion durch die Überstülpung von bestimmten Regeln und Methoden auf die Ausdrucksweise eines Betrachters. Quasi als Nebeneffekt werden ein Werk und/oder seine Perzeption dadurch objektivierbar.

In ihren Essays weist Sontag darauf hin, dass die Hermeneutik, als Theorie der Interpretation, ursprünglich speziell auf biblische Quell-Texte angewendet wurde. Die Hermeneutik blickt auf eine lange Tradition als christliche theologische Methode zurück. Die Definition als "Kunst der rechten Auslegung der Heiligen Schrift" (sic! und nicht etwa auch des Korans) zeigt den dogmatischen Anspruch. Seit dem 19. Jahrhundert wurde sie auch auf die zeitgenössische Literatur und Kunst angewandt. Diese Modi der Hermeneutik schlachteten Texte regelrecht aus, um Bedeutungen zu verhängen, statt sie zu offenbaren.

Hier gibt es zwei weiterführende Quellen (auf Englisch): Susan Sontag: Against Interpretation? und 25 Points: Susan Sontag's "Against Interpretation".

Interpretation: "Zwischen Wort und Wort"

[von Hans Lösener, 2006, S. 40]

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1977 veröffentlichte Hans Magnus Enzensberger ein satirisches Pamphlet mit dem Titel "Ein bescheidender Vorschlag zum Schutz der Jugend vor den Erzeugnissen der Poesie". Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass es sich bei diesem Text um ein Pendant zu Susan Sontag's Essay "Against Interpretation" handle (1966, deutscher Titel "Kunst und Antikunst"). Enzensbergers Ablehnung der Interpretation ist ebenso radikal wie diejenige Sontags. Wie diese wirft er der Interpretation vor, sie instrumentalisiere die Literatur (Die [...] Fertigkeit, die es erlaubt, aus einem Gedicht eine Keule zu machen, nennt man Interpretation. Enzensberger 1977, 51). Und diese Instrumentalisierung besitzt auch für Enzensberger ein gewalttätiges Moment, das entweder "Unterwerfung oder Widerstand" hervorrufe (ebd., 55).
Verwunderlich sind diese Parallelen aber kaum, schließlich bezieht er sich wiederholt auf Sontags Essay und zitiert daraus eine längere Passage (ebd., 52).
Dennoch visiert Enzensberger ein anderes Ziel als Sontag an, es gehl ihm nicht um die Interpretation als solche, sondern um deren Rolle im Deutschunterricht. So wird die Absurdität des Interpretationsrituals dem Leser zu Beginn des Textes durch eine eindrückliche Litanei von mehr oder weniger grotesken Briefen vorgeführt, in denen Lehrer, Schüler und Referendare den Autor um die richtige Interpretation seiner Gedichte bitten oder einzelne Schüler sich über die schlechte Benotung ihrer Interpretations-Aufsätze beschweren. Und anders als Sontag erklärt Enzensberger den Erfolg der Interpretation als Methode der Lektüre: nicht durch die Domestizierung des Textes. Was die Interpretation für die Schule so attraktiv mache, sei vielmehr ihre Benotbarkeit (Hinter dem Ritual der Interpretation steht immer ein anderes, das der Prüfung [...]. Ebd., 56). Dank der Textsorte Interpretation wird das Schreiben über Gedichte zu einer Reproduktionsaufgabe mit relativ festem Erwartungshorizont. Was die Schüler in der Regel auch schnell begreifen würden.

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Interpretation versus Beschreibung

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Im 20. Jahrhundert entwickelten sich zwei neue Richtungen innerhalb der Philosophie, die wir heute unter den Begriffen Phänomenologie und Existenzphilosophie subsumieren. Edmund Husserl als Begründer der Phänomenologie forderte zunächst, dass Philosophen nicht länger Philosophiegeschichte schreiben, sondern zu den Dingen selbst zurückkehren sollten. An die Stelle einer Interpretation, in die stets das gesamte Vorwissen und die intellektuellen Dispositionen des Wissenschaftlers einfließen würden, setzte er die Beschreibung (die uns dann später zum Beispiel im Begriff der dichten Beschreibung bei Clifford Geertz wieder begegnet[10]). Husserl entwickelte also kein geschlossenes philosophisches System, sondern eine Methode, mit deren Hilfe die Phänomene selbst, nicht ihre verborgene Bedeutung ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückten. Diese Methode wurde kurze Zeit später von der Existenz- bzw. Daseinsphilosophie übernommen. Deren wichtigster Protagonist, Martin Heidegger, knüpfte eng an Husserl an, kritisierte aber, dass die reine Phänomenologie nicht auf das angewandt werden könne, was eigentlich im Zentrum des philosophischen Interesses stehe, nämlich auf den Menschen selbst - weshalb Heidegger schließlich die Zeit als Sinn des Seins benannte und so auch einen Zugang zur Biographie und Geschichtlichkeit des Menschen entwickelte.

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Diesem Ansatz folgten, wenn auch auf sehr unterschiedlichen Pfaden, Personen wie Aby Warburg, Ernst Cassirer, Karl Jaspers, Hannah Arendt, Walter Benjamin, Jean-Paul Sartre, Albert Camus, der frühe Michel Foucault oder Susan Sontag.(11) Beeinflusst wurde von Heideggers Kritik der Metaphysik aber auch ein guter Teil derjenigen Wissenschaftler, die wir heute als Kulturwissenschaftler bezeichnen würden und die in der Regel ursprünglich aus Disziplinen wie Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte, Philosophie oder neuerdings der Medienwissenschaft kommen. Ihnen allen ist gemein, dass sie die physische Existenz des Menschen (und der Dinge) gegenüber metaphysischen Konstruktionen aufwerten bzw. dass sie - wie Husserl - eine Rückkehr zu den Dingen selbst fordern. So stellte Susan Sontag ihrem Essay Against Interpretation aus dem Jahr 1964 folgendes Zitat von Oscar Wilde voran:
Nur oberflächliche Menschen urteilen nicht nach dem äußeren Erscheinungsbild. Das Geheimnis der Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare.(12)
Die Interpretation als Versuch, die Bedeutung eines Kunstwerks, eines Romans, eines Ereignisses jenseits des Sichtbaren zu vermuten und neu zu formulieren, sei zwar, so Susan Sontag, nicht grundsätzlich verwerflich, in unserer Zeit aber reaktionär, trivial, erbärmlich, stickig. Interpretation sei die Rache des Intellekts an der Welt; sie mache die Welt arm und leer [...] - um eine Schattenwelt der Bedeutungen zu errichten.(13)

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[Quelle: Annette Vowinckel - Zeitgeschichte und Kulturwissenschaft, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 4 (2007) H. 3]