Dasein in "Sein und Zeit" [Martin Heidegger, 1927]

Martin Heidegger (26. September 1889 - 26. Mai 1976) war ein einflussreicher deutscher Philosoph. Sein bekanntestes Werk, "Sein und Zeit" wird als eine der wichtigsten philosophischen Publikationen des 20. Jahrhunderts betrachtet.

Der für Heideggers Ontologie wichtige Begriff "Dasein" wurde schon zuvor von Philosophen verwendet, mit der Bedeutung von "Existenz", z.B. 'Ich bin zufrieden mit meinem Dasein.' Heidegger nutz diesem Begriff jedoch, um unnachgiebig die Verwendung des Begriffs "Mensch", der zuvor in der Ontologie (und der allgemeinen Metaphysik) als Kategorie verwendet wurde, zu vermeiden.

Die Einleitung beginnt mit einem der Zitate aus Plato, Sophistes 244a, das dann aus dem griechischen wie folgt übersetzt wird:

[…]

"Denn offenbar seid ihr doch schon lange mit dem vertraut, was ihr eigentlich meint, wenn ihr den Ausdruck seiend gebraucht, wir jedoch glaubten es einst zwar zu verstehen, jetzt aber sind wir in Verlegenheit gekommen".
Haben wir heute eine Antwort auf die Frage nach dem, was wir mit dem Wort »seiend« eigentlich meinen? Keineswegs. Und so gilt es denn, die Frage nach dem Sinn von Sein erneut zu stellen."

[…]

"Je weniger das Hammerding nur begafft wird, je zugreifender es gebraucht wird, um so ursprünglicher wird das Verhältnis zu ihm, um so unverhüllter begegnet es all das was es ist, als Zeug. Das Hämmern selbst endeckt die spezifische 'Handlichkeit' des Hammers. Die Seinsart von Zeug, in der es sich von ihm selbst her offenbart; nennen wir die Zuhandenheit." [S. 69]

Das Ding dingt

Auszug aus dem Artikel "Der Gründer der Ding-Dynastie" von Dr. Ludwig Hasler, Die Weltwoche (45/2004)

"Damit gleich klar wird, worum es hier geht, eine Passage aus dem Vortrag "Das Ding", am 6. Juni 1950 gehalten in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste: "...Der Krug west als Ding. Der Krug ist der Krug als ein Ding. Wie aber west das Ding? Das Ding dingt. Das Dingen versammelt. Es sammelt, das Geviert ereignend, dessen Weile in ein je Weiliges: in dieses, in jenes Ding..." Das ist keine Parodie auf Philosophen-Jargon. Es ist Heidegger."

"Heidegger ist also nicht der neueste Weltwoche-Spleen. Doch wo liegt der Zündstoff?

Erste Vermutung. Er steckt in Martin Heideggers Radikalität. Wie kein anderer stülpt er das menschliche Selbstverständnis um. Jahrhundertelang verstand sich der Mensch aus sich selbst - als Subjekt, als Ich, als Wille; ich bin ich, alles um mich herum ist Zeug, Ding, Gegenstand. Heidegger schlägt vor, uns vom "Sein" her zu verstehen, was immer das dann heisst. Jedenfalls destabilisiert er damit das Ich, nimmt es aus dem Zentrum, löst es auf in Geschichten, in "Geschicke", die nicht erst mit ihm beginnen. "Denken" heisst dann: sich auf diese Vorgeschichten "besinnen". Nicht bloss im Dienste am Handeln und Machen clever räsonieren - schon gar nicht irgendwelche utopische Geschichtsfahrpläne entwerfen. Denken heisst für ihn "Entsprechen", ein Aufmerken auf etwas, das uns schon immer "angesprochen" und "in Anspruch genommen" hat. Kurz und fragwürdig: Heidegger betreibt den Statuswechsel, formelhaft gesagt, vom "Herrn der Dinge" zum "Hirten des Seins".

Wir sind nun aber definitiv keine Hirten mehr. Wie kann dann ein derart dunkles Geraune Zündstoff werden?

Dazu die zweite Vermutung. Insgeheim strapaziert uns die Konzentration aufs Ich. Und allmählich dämmert eine Ahnung, unsere Denkmuster drehten sich im Kreis, der schöne Pluralismus der Weltsichten - liberal/konservativ, links/rechts, ökologisch/ökonomisch - sei letztlich nichts als Variation des selben Weltmodells, eine Art Eulenspiegelei des in sich gefangenen Ichs. Noch in der Streitsache Gentechnik stehen sich vielleicht bloss zwei Varianten des Selbstbehauptungs-Ichs gegenüber - die eine will über Natur herrschen, die andere sich an ihr freuen. Vielleicht liegt es an dieser Ich-Zentrierung, dass wir nicht vom Fleck kommen.

Und nun ist da einer, der so merkwürdig von Dingen spricht. Für uns sind Dinge Gegenstände, Zeug zum Verfügen, zum Betrachten, zum Konsumieren. Für Heidegger "dingt das Ding", es "ereignet das Geviert". Vielleicht faselt er nicht nur vor sich hin, sondern hat etwas kapiert, was wir nicht wahrnehmen. Jedenfalls wäre ein Ding, das - wie auch immer - handelt, spannender als Dinge, die uns stumm zur Verfügung stehen. Und was unser Weltbild sprengt, muss vielleicht eine Sprache führen, die so weit hergeholt ist, dass sie uns befremdet."

"1927 erscheint "Sein und Zeit". Ein Werk von monströser Banalität. Es räumt auf mit dem Mythos der objektivierbaren Wahrheit. Wahrheit ist im Existieren, nicht im Erkennen. Existieren ist "Da-sein", nicht "Sein". Und dieses Dasein wiederum ist nichts Extravagantes, sondern alltäglich: als "Sorge" und "Besorgen", als "Geworfensein" und "Entwurf", als "Entschlossenheit" und "Vorlaufen zum Tode". Selbst wenn dieses Dasein im Alltag sich meist verfehlt - als "Man": "Als Man lebe ich immer schon unter unauffälligen Herrschaft der Andern... Jeder ist der Andere und keiner er selbst. Das Man ist das Niemand... Zunächst bin nicht ich im Sinne des eigenen Selbst, sondern die Anderen in der Weise des Man. Aus diesem her und als dieses werde ich mir selbst zunächst gegeben. Zunächst ist das Dasein Man und zumeist bleibt es so."

Es ist also gar nicht so weit her mit dem Alltags-Ich. Was es ist, wird ihm durch die andern gesagt und gegeben. Es verständigt sich im "Gerede", mit dem man Sachen sagt, die man eben sagt. Es gibt sich "aufenthaltslos" dem jeweils Neuesten hin, "betreibt Kommunikation", wie sie gerade von aussen traktandiert wird. So verschliesst es sich dem eigenen, "eigentlichen" Dasein, wird zur Ich-Marionette."

"Genau das strengt Heidegger mit Mitteln des Denkens an: eine Unmittelbarkeit, in der die Trennung von Ich und Ding verfliesst. Er sucht eine Sprache, die das Sein durch Werden ersetzt. Im eingangs zitierten Vortrag über "Das Ding" spricht er eine Stunde über nichts als einen Krug. Typisch, kann man sagen, in der Hütte auf Todtnauberg gibt es keine Flaschen, nur archaische Tonkrüge, damit lässt sich besser urtümeln als mit Industrieprodukten. Es ist so. Befremdend - und faszinierend, wie er das banale Ding umgarnt, bis er quasi selber im Krug sitzt (Cézannes "Auge"), bis der Krug zugleich verschwindet und zum Schauplatz einer Art Weltdrama wird. "Das Ding dingt. Das Dingen versammelt. Der Krug ereignet das Geviert..." Ähnlich wie Cézanne entwickelt Heidegger eine Art fanatischer Aufmerksamkeit auf die Dinge, eine Wahrnehmung, die nicht irgendeine ursprüngliche Struktur der Welt entdeckt, sondern die Auflösung der eingespielten Ordnung betreibt. Sie destabilisiert die Dinge, dezentriert das Ich."

"Bis die Dinge zu handeln beginnen. Das Ding ist nicht, es dingt. Heidegger kennt die Wortgeschichten. "Ding" kommt vom althochdeutschen "thing", dem Wort für "Versammlung", "Gericht", worin die "gemeinsame Streitsache" zum Austrag kommt. Also, das Ding liegt nicht einfach da, es trägt unsere menschlichen Angelegenheiten aus. Wer das nicht versteht, ist für Heidegger verloren. Vielleicht gar fürs Weintrinken. Denn: "Im Wasser des Geschenks weilt die Quelle. In der Quelle weilt das Gestein, in ihm der dunkle Schlummer der Erde, die Regen und Tau des Himmels empfängt. Im Wasser der Quelle weilt die Hochzeit von Himmel und Erde. Sie weilt im Wein, den die Frucht des Weinstocks gibt, in der das Nährende der Erde und die Sonne des Himmels einander zugetraut sind. Im Geschenk von Wasser, im Geschenk von Wein weilen jeweils Himmel und Erde. Das Geschenk des Gusses aber ist das Krughafte des Kruges. Im Wesen des Kruges weilen Erde und Himmel...""

Martin Heidegger - Zitate

Sein und Zeit - 1927

Warum sagen wir: die Zeit vergeht und nicht ebenso betont: sie entsteht? Im Hinblick auf die reine Jetztfolge kann doch beides mit dem gleichen Recht gesagt werden.

Um schweigen zu können, muss das Dasein etwas zu sagen haben, das heißt über eine eigentliche und reiche Erschlossenheit seiner selbst verfügen.

Entfernen besagt ein Verschwindenmachen der Ferne, das heißt der Entferntheit von etwas, Näherung.

Die Undefinierbarkeit des Seins dispensiert nicht von der Frage nach seinem Sinn, sondern fordert dazu gerade auf.

Einführung in die Metaphysik - 1935

Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts? Das ist die Frage.

Was heißt Denken? - 1952

Das Denken lernen wir, indem wir auf das achten, was es zu bedenken gibt.

Das Denken ist ein Er-hören.

Die Wissenschaft denkt nicht.

Daß die Wissenschaft nicht denken kann, ist kein Mangel, sondern ein Vorzug.

Aus der Erfahrung des Denkens - 1976

Fragen heißt: hören auf das, was sich einem zuspricht.

 

Das sinnsuchende Individuum: Heideggers Anliegen (S. 10f)

"Sein und Zeit" ist das Hauptwerk seiner frühen Denkphase. Aus der Analyse dieses Problems ist zu ersehen, dass Heideggers Anliegen es ist, nicht die Gestaltung oder die Rekonstruktion einer theoretischen Welt, sondern die Beleuchtung der praktischen Lebenswelt, in der wir uns immer befinden und bewegen, zu verdeutlichen. Für Heidegger ist die praktische Umgangsweise des Menschen mit seiner Umgebung ursprünglicher und wesentlicher als die theoretische Umgangsweise. Die Theorie ist Heidegger zufolge ein abgeleiteter Modus der Praxis. Diese Ansicht entspricht der Analyse seiner bizarren Bezeichnung von Vorhandenheit und Zuhandenheit. Diese beziehen sich auf den jeweiligen Seinsmodus des Menschen. In der Vorhandenheit, also in der theoretischen Umgangsweise des Menschen mit dem Ding, fokussiert man — meistens anschauend — das gegebene Ding und vernachlässigt dessen Umkreis. Das so anvisierte Ding wird nach Heidegger aus seinem natürlichen und zweckmäßigen Zusammenhang gerissen und als das Objekt der reinen Theorie betrachtet. Unter diesen Umständen kann das Wesen des Dings versteckt oder verzerrt sein. Auf diesem Grund kritisiert Heidegger die theoretischen Wissenschaften und die moderne Technik. Das Vorhandene tritt aber Heidegger zufolge als ein Gegenstand der Aussage auf, und beruht auf der sinnlichen Wahrnehmung.
Diesbezüglich entlarvt Heidegger die dominierende Stellung des Sehens in den theoretischen Aktivitäten. Dass die Begierde des Anschauens unbedingt befriedigt werden muss und die Unhintergehbarkeit des Sehens ungeprüft anerkannt wird, ist ein wissenschaftlicher Glaubensartikel geworden. Dies alles betrifft die epistemologische Gewissheit, wonach die meisten traditionellen Philosophien streben. Genau gegen diese Position wendet sich Heidegger. Er favorisiert den anderen Seinsmodus, nämlich die Zuhandenheit, die er für anfänglich und essentiell hält.

In der Zuhandenheit, also in der praktischen Umgangsweise des Daseins mit dem Ding, bewahrt man den Überblick über den lebendigen und zweckentsprechenden Zusammenhang. Das Ding bekommt seinen passenden Platz und verliert nicht sein natürliches Milieu.
Das Zuhandene als Zeug besitzt eine Struktur der Hinweisung. Es verweist stets auf die Zeug- und Zweckganzheit, die Heidegger als die Bewandtnisganzheit bezeichnet. Das heißt: Ein isoliertes Zeug zählt nicht zum Zeug. Ein Werkzeug impliziert bereits die Idee der Instrumentalität und folglich die Ganzheit des Zeugs. Außerdem ist das Zeug nie um seiner selbst willen da; es existiert, um etwas Anderes zu erreichen bzw. zu bewerkstelligen. Jeder Umgang mit dem Zeug oder jedes Handeln schließt in sich eine teleologische Struktur ein. [Quelle: Yun-PingSun (aus Taiwan) INAUGURAL - DISSERTATION Philosophischen Fakultät I, der Humboldt Universität zu Berlin]

 


 

Siehe auch: Sprechen heißt ent-sprechen - Sprachpragmatik beim frühen und späten Heidegger - Christoph von Wolzogen - Archiv von: "Sic et Non. zeitschrift für philosophie und kultur. im netz."

 

Nicht nur die Sprache Heideggers ist sehr interessant sondern auch die der deutschen Literatur. Vor Jahren wurde mittels einer Umfrage der schönste erste Satz eines deutschen Buches ausgezeichnet.


 

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