Antrittsreden der amerikanischen Präsidenten

von John F. Kennedys (1961) über George W. Bush (2001 und 2005) bis Barack Obama (2009)

Die Antrittsrede (oder Regierungserklärung) am Tag der Vereidigung gehört zu den wichtigsten Reden eines Präsidenten; eben auch um seine Führung - oder seinen Anspruch auf diese - zu dokumentieren.
Theodore Sorensen, war Kennedys Redenschreiber und hat dessen historische Antrittsrede vom 20. Januar 1961 wesentlich geprägt. Hier das mit Abstand berühmteste Zitat aus dieser Rede:

"Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann, sondern fragt, was ihr für euer Land tun könnt."

Auch hielt er für Bushs Vorgänger, Bill Clinton, einen Rat bereit: die Antrittsrede solle möglichst kurz sein und die sogenannte Vision der Regierung auf den Punkt bringen. Hier kommt auch der Ritual-Charakter ins Spiel, denn der Text und konkrete Vorstellungen einer Antrittsrede geraten schnell in Vergessenheit. Ebenso, wird selten eine Regierung an ihren formulierten Versprechungen gemessen - auch nicht, in Demokratien, bei den nächsten Wahlen. Was bleibt, sind markante Worte oder Sätze der Rede.

Am 20. Januar 1961 wurde John Fitzgerald Kennedy (JFK) als 35. Präsident der USA vereidigt. Er war mit 43 Jahren der jüngste vom amerikanischen Volk gewählte und der erste katholische Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Nach seiner Vereidigung hielt J. F. Kennedy bei der feierlichen Einsetzung in das Amt des Präsidenten seine Antrittsrede (englisch: Inaugural Address).


Theodore Roosevelt wurde am 14. September 1901 vereidigt (als der 26. Präsident der Vereinigten Staaten), und war zu diesem Zeitpunkt 42 Jahre und 11 Monate alt. Er ist damit 8 Monate jünger als Präsident Kennedy (vereidigt am 20.01.1961 im Alter von 43 Jahren und 7 Monaten). Allerdings war die erste Vereidigung von Roosevelt die Folge der Ermordung seines Vorgängers, Präsident William McKinley, in dessen Kabinett Roosevelt als Vizepräsident seinen Dienst tat.

Das Video und damit auch den Orginalton (allerdings in mäßiger Qualität gibt es hier:
JFK Inaugural Address. Teil 2 befindet sich dort ebenso wie die entsprechende Rede von Barack Obama (2009) und die Rede von Martin Luther King "I have a dream". Die Reden haben ein Länge von 15 - 20 Minuten.

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Übersetzung der Antrittsrede von John F. Kennedy

1961 - Ausschnitt

Vizepräsident Johnson, Sprecher des Hauses, Präsident des obersten Gerichtshofes, Präsident Eisenhower, Vizepräsident Nixon, Präsident Truman, verehrter Klerus, Mitbürger, wir beobachten heute nicht den Sieg einer Partei sondern ein Fest der Freiheit - das sowohl ein Ende als auch einen Neuanfang symbolisiert - und eine Erneuerung (im Sinne von Verlängerung) als auch einen Umbruch bedeutet. Denn ich habe vor Ihnen und dem allmächtigen Gott denselben feierlichen Eid geschworen, den unsere Vorfahren vor fast eindreiviertel Jahrhunderten festgelegt haben.

Die heutige Welt ist völlig anders. Die Menschheit hält in ihren sterblichen Händen die Macht alle Formen menschlicher Armut und alle Formen menschlichen Lebens auszulöschen. Jedoch, dieselben revolutionären Überzeugungen für die unsere Vorfahren gekämpft haben, sind immer noch ein strittiger Punkt rund um den Globus - die Überzeugung, dass die Menschenrechte nicht der Großzügigkeit des Staates entsprungen sind - sondern der Hand Gottes.

Wir dürfen heute nicht vergessen, dass wir die Erben genau jener ersten Revolution sind. Lassen sie uns die Kunde verbreiten, von hier und heute an, zu Freund und Feind gleichermaßen, das die Fackel weitergereicht wurde, an eine neue Generation von Amerikanern - geboren in diesem Jahrhundert, abgehärtet und gemäßigt durch einen Krieg, diszipliniert durch einen kalten und bittern Frieden, stolz auf unsere altertümliche Herkunft - und nicht geneigt, den langsamen Untergang jener Menschenrechte zu denen sich diese Nation schon immer bekannt hat, und zu denen sie sich auch heute bekennt, zu Hause oder weltweit, mitzuerleben oder zuzulassen.

Jede Nation, ob sie uns nun Gutes oder Schlechtes wünscht, soll wissen, das wir jeden Preis bezahlen werden, jede Last auf uns nehmen, jedes Mühsal erdulden, jeden Freund unterstützen, uns jedem Gegner entgegenstellen, alles um den Fortbestand und Erfolg der Freiheit zu gewährleisten.

All dies geloben wir - und mehr.

[...]

Können wir gegen diese Feinde ein stattliches und globales Bündnis schmieden, Nord und Süd, Ost und West, das ein von Erfolg gekröntes Leben für die gesamte Menschheit sicherstellen kann? Werden Sie sich an diesem historischen Unternehmen beteiligen?

In der langen Geschichte der Welt, wurde nur wenigen Generationen die Rolle als Verteidiger der Freiheit in der Stunde ihrer größten Gefährdung gewährt. Ich schrecke vor von dieser Verantwortung nicht zurück - ich begrüße sie. Ich glaube nicht, dass irgendeiner von uns, mit irgendeinem anderem Volk oder irgendeiner anderen Generation, die Plätze tauschen würde. Die Energie, der Glaube, und die Hingabe die wir diesem Unterfangen entgegenbringen wird unser Land, und alle die ihm dienen, erstrahlen lassen - und der Glanz von diesem Feuer kann wahrhaftig die Welt erleuchten.

Und so, meine amerikanischen Mitbürger: Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann - fragt, was ihr für euer Land tun könnt.

Meine Mitbürger der Welt: Fragt nicht, was Amerika für euch tun kann, sondern was wir zusammen für die Freiheit des Menschen tun können.

Und schließlich, ob ihr Bürger Amerikas oder Bürger der Welt seid, verlangt von uns dieselben hohen Standards von Stärke und Aufopferung die wir von euch verlangen. Mit einem gutem Gewissen, unserer einzig sicheren Belohnung, mit der Geschichte, als endgültig Richter unserer Taten, lasst uns vorwärts gehen, das Land das wir lieben zu führen, und um Seinen Segen und Seine Hilfe bitten, jedoch mit dem Wissen, das hier auf Erden Gottes Werk genau unser eigens sein muss.

Beispiele: Berühmte Antrittsreden im Original

Unter Yale Universität » Juristische Fakultät sind die Texte aller Antrittsreden der amerikanischen Präsidenten von George Washington (1789) über George W. Bush (2001 | 2005) bis Barack Obama (2009) zu finden - OHNE störende Werbung.

Analyse der Antrittsreden

Die sehr interessante Magisterarbeit Geschichte als Heilsgeschichte in den Antrittsreden US-amerikanischer Präsidenten analysiert die Reden. Die Arbeit (161 Seiten; pdf zum Download) beleuchtet die zahlreichen Zitate und Weisheiten aus der Bibel, sowie andere, der Christlichen Religion entliehene Botschaften, in den Reden der amerikanischen Präsidenten - und das trotz (oder wegen) der formalen Trennung von Kirche und Staat sowie der strikten Religionsfreiheit in den USA. Auszug aus der Einleitung:

"In ihren Antrittsreden, den "Inaugural Addresses", reagieren die demokratisch gewählten US-Präsidenten unmittelbar auf die Erwartungen ihrer Wähler. Da die amerikanische Kultur von christlicher - häufig evangelikaler - Religiosität geprägt ist, lassen sich anhand dieser Reden die Verbindungslinien, die zwischen Wählern, Parteien und religiösen Gruppierungen bestehen, ablesen."

Die Antrittsrede der Regierungschefs im Vergleich

Analyse: Die Inszenierung des Neubeginns:

Politiker beherrschen die Kunst, so viele Worte zu machen, dass sie hinterher die Wahl haben, zu welchem sie stehen wollen", sagte einmal der Kabarettist Dieter Hildebrand. Ob im Parlament, auf Parteitagen, in Talkshows oder an Feiertagen - es gibt eine so große Zahl an Politikerreden, dass das öffentliche Interesse daran schwindet. Gerade in der Konkurrenz mit anderen Medienereignissen und Unterhaltungsangeboten haben es Politiker oft schwer, ihr Publikum zu erreichen.

Eine Ausnahme ist die Antrittsrede eines neuen Regierungschefs. Kaum eine politische Rede erlangt so viel Aufmerksamkeit. Ob die Inaugural-Ansprache des amerikanischen Präsidenten, die Thronrede der britischen Königin oder die Große Regierungserklärung des deutschen Bundeskanzlers - Antrittsreden haben ein Millionenpublikum. Manche Sätze werden zu geflügelten Worten, wie
"Wir wollen mehr Demokratie wagen" (Willy Brandt) oder
"Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst" (John F. Kennedy). Keine politische Rede ist mit so vielen Hoffnungen, Erwartungen oder auch Befürchtungen verbunden wie die erste Rede eines Regierungschefs.

Mit diesem Redetyp befasst sich das neueste Buch des Eichstätter Politikwissenschaftlers Privatdozent Dr. Klaus Stüwe. Erstmals wird in seinem Band dargestellt, welche Funktionen, Rituale und Symbole die Antrittsreden der Regierungschefs in den vier großen westlichen Demokratien Großbritannien, den USA, Frankreich und Deutschland prägen. Untersucht werden die historische Entwicklung, der Entstehungsprozess und die Inhalte der ersten Regierungserklärung. Dabei wird deutlich, welche unterschiedlichen Formen politischer Kommunikation sich in den jeweiligen politischen Kulturen dieser Länder entwickelt haben.

So verliest etwa die britische Königin ein sehr sachliches Regierungsprogramm, das vom Premierminister entworfen wurde. Es enthält nur wenige konkrete Ankündigungen, die dann aber in der Amtszeit des Regierungschefs meist komplett realisiert werden können. Ganz anders der Stil bei der Inauguralrede amerikanischer Präsidenten. Auch diese schreiben ihre Reden selten selbst, sondern verlassen sich auf "Ghostwriter", die genau testen, welche Stimmungen die Ansprache erzeugen soll. Hier geht es weniger um detaillierte Regierungsvorhaben, sondern um die symbolische Bekräftigung amerikanischer Werte. Gerade außerhalb der USA wird diese symbolhafte Sprache oft missverstanden.

Die deutschen Bundeskanzler neigen dagegen dazu, ein umfassendes Regierungsprogramm vorzustellen. Ihre Regierungserklärungen sind im internationalen Vergleich die längsten und detailliertesten. Aber angesichts vieler Blockademöglichkeiten im deutschen Regierungssystem kann die Realisierung des angekündigten Pro­gramms immer seltener garantiert werden. Politische Steuerungsfähigkeit wird vom Kanzler manchmal nur noch vorgetäuscht. Das kann beim Publikum zu Enttäuschung und Vertrauensverlust führen.

Stüwes Fazit: Nicht die Inszenierung des Amts-Antritts einer neuen Regierung ist das Problem, sondern Versprechungen, die nicht eingehalten werden können. [Quelle: idw - Klaus Stüwe]

Bundespräsidenten

Und nicht nur Bundeskanzler sondern auch Bundespräsidenten halten Antrittsreden. Die letzteren thematisieren aber gemäß ihren Aufgaben keine tagespolitischen Themen und auch keine „4-Jahrespläne“ sondern appellieren als moralisches Gewissen an die Geisteshaltung des Volkes.

  • Meine Damen und Herren, ich trete das Amt in einer Zeit an, in der die Welt in höchsten Widersprüchlichkeiten lebt.
  • Als Bundespräsident habe ich keine Regierungserklärung abzugeben.
  • Unsicherheit und Resignation mischen sich mit der Hoffnung auf bessere Ordnungen. Wird solche Hoffnung endlich erfüllt werden?
  • Vertrauen kann nicht befohlen werden; und doch ist auch richtig, dass Vertrauen nur der erwirbt, der Vertrauen zu schenken bereit ist.
  • Die Konzentration der Wirtschaft schreitet fort. Die ohnehin großen Bürokratien wachsen weiter.
  • Wir müssen uns in einer Leistungs-, Aufstiegs- und Bildungsgesellschaft entwickeln, in der die Vision der Freiheit für alle dadurch verwirklicht wird, dass jeder seine konkrete und persönliche Chance erhält.

Ja, das sind Appelle. Die sind fast 50 Jahre alt, und stammen aus der Antrittsrede von Gustav Heinemann (3. Bundespräsident der BRD) aus dem Jahr 1969!

Reden und Gespräche

Beispiele und Tipps was genau bei Powerpoint Präsentationen unbedingt zu vermeiden ist (PP ist ja heutzutage Bestandteil fast jeder Rede).

 


 


Und wenn man lange genug, und vor allem ergriffen, einigen Antrittsreden gelauscht hat, ist es vielleicht wieder mal Zeit für ein Spiel mit Freunden. Hier http://www.spielanleitung.org/ habe ich die Regeln für einige Spiele zusammengestellt. Kurz und prägnant und einschließlich einiger PDFs zum Mitnehmen.