Interpretation: "Zwischen Wort und Wort"; von Hans Lösener, 2006, S. 40
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1977 veröffentlichte Hans Magnus Enzensberger ein satirisches Pamphlet mit dem Titel „Ein bescheidener Vorschlag zum Schutz der Jugend vor den Erzeugnissen der Poesie“. Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass es sich bei diesem Text um ein Pendant zu Sontags Essay „Against Interpretation“ handle. Enzensbergers Ablehnung der Interpretation ist ebenso radikal wie diejenige Sontags. Wie diese wirft er der Interpretation vor, sie instrumentalisiere die Literatur („Die […] Fertigkeit, die es erlaubt, aus einem Gedicht eine Keule zu machen, nennt man Interpretation.“ Enzensberger 1977, 51). Und diese Instrumentalisierung besitzt auch für Enzensberger ein gewalttätiges Moment, das entweder „Unterwerfung oder Widerstand“ hervorrufe (ebd., 55).
Verwunderlich sind diese Parallelen aber kaum, schließlich bezieht er sich wiederholt auf Sontags Essay und zitiert daraus eine längere Passage (ebd., 52).
Dennoch visiert Enzensberger ein anderes Ziel als Sontag an, es gehl ihm nicht um die Interpretation als solche, sondern um deren Rolle im Deutschunterricht. So wird die Absurdität des Interpretationsrituals dem Leser zu Beginn des Textes durch eine eindrückliche Litanei von mehr oder weniger grotesken Briefen vorgeführt, in denen Lehrer, Schüler und Referendare den Autor um die richtige Interpretation seiner Gedichte bitten oder einzelne Schüler sich über die schlechte Benotung ihrer Interpretations-Aufsätze beschweren. Und anders als Sontag erklärt Enzensberger den Erfolg der Interpretation als Methode der Lektüre: nicht durch die Domestizierung des Textes. Was die Interpretation für die Schule so attraktiv mache, sei vielmehr ihre Benotbarkeit („Hinter dem Ritual der Interpretation steht immer ein anderes, das der Prüfung […].“ Ebd., 56). Dank der Textsorte „Interpretation“ wird das Schreiben über Gedichte zu einer Reproduktionsaufgabe mit relativ festem Erwartungshorizont. Was die Schüler in der Regel auch schnell begreifen würden.
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Zeitgeschichte und Kulturwissenschaft
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Im 20. Jahrhundert entwickelten sich zwei neue Richtungen innerhalb der Philosophie, die wir heute unter den Begriffen Phänomenologie und Existenzphilosophie subsumieren. Edmund Husserl als Begründer der Phänomenologie forderte zunächst, dass Philosophen nicht länger Philosophiegeschichte schreiben, sondern‚ zu den Dingen selbst‘ zurückkehren sollten. An die Stelle einer Interpretation, in die stets das gesamte Vorwissen und die intellektuellen Dispositionen des Wissenschaftlers einfließen würden, setzte er die Beschreibung (die uns dann später zum Beispiel im Begriff der „dichten Beschreibung“ bei Clifford Geertz wieder begegnet[10]). Husserl entwickelte also kein geschlossenes philosophisches System, sondern eine Methode, mit deren Hilfe die Phänomene selbst, nicht ihre verborgene Bedeutung ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückten. Diese Methode wurde kurze Zeit später von der Existenz- bzw. Daseinsphilosophie übernommen. Deren wichtigster Protagonist, Martin Heidegger, knüpfte eng an Husserl an, kritisierte aber, dass die reine Phänomenologie nicht auf das angewandt werden könne, was eigentlich im Zentrum des philosophischen Interesses stehe, nämlich auf den Menschen selbst - weshalb Heidegger schließlich die Zeit als Sinn des Seins benannte und so auch einen Zugang zur Biographie und Geschichtlichkeit des Menschen entwickelte.
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Diesem Ansatz folgten, wenn auch auf sehr unterschiedlichen Pfaden, Personen wie Aby Warburg, Ernst Cassirer, Karl Jaspers, Hannah Arendt, Walter Benjamin,
Jean-Paul Sartre, Albert Camus, der frühe Michel Foucault oder Susan Sontag.(11) Beeinflusst wurde von Heideggers Kritik der Metaphysik aber auch ein guter
Teil derjenigen Wissenschaftler, die wir heute als Kulturwissenschaftler bezeichnen würden und die in der Regel ursprünglich aus Disziplinen wie
Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte, Philosophie oder neuerdings der Medienwissenschaft kommen. Ihnen allen ist gemein, dass sie die physische Existenz
des Menschen (und der Dinge) gegenüber metaphysischen Konstruktionen aufwerten bzw. dass sie - wie Husserl - eine Rückkehr
‚zu den Dingen selbst‘ fordern. So stellte Susan Sontag ihrem Essay „Against Interpretation“ aus dem Jahr 1964 folgendes Zitat von
Oscar Wilde voran:
„Nur oberflächliche Menschen urteilen nicht nach dem äußeren Erscheinungsbild. Das Geheimnis der Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare.“(12)
Die Interpretation als Versuch, die Bedeutung eines Kunstwerks, eines Romans, eines Ereignisses jenseits des Sichtbaren zu vermuten und neu zu formulieren,
sei zwar, so Susan Sontag, nicht grundsätzlich verwerflich, in unserer Zeit aber „reaktionär, trivial, erbärmlich, stickig“.
Interpretation sei die „Rache des Intellekts an der Welt“; sie mache die Welt „arm und leer [...] - um eine Schattenwelt der ‚Bedeutungen‘ zu errichten“.(13)
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[Quelle: Annette Vowinckel, Zeitgeschichte und Kulturwissenschaft, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 4 (2007) H. 3, ]
Die Horoskope in der modernen Welt
Kaum eine andere Rubrik in Zeitungen wird offiziell so belächelt und heimlich so gern gelesen wie Horoskope. Ob im Radio, im Fernsehen, im Internet oder in der Presse - Horoskope sind allgegenwärtig, und werden gerne in Zeitungen und Zeitschriften beim Arzt oder Frisör gelesen.
Nach einer repräsentativen Umfrage des Allensbacher Instituts für Demoskopie im Jahr 2005 lesen etwa 77 Prozent der Bevölkerung Pressehoroskope, davon 15 Prozent regelmäßig. Dabei gibt es nur minimale Unterschiede in den untersuchten Gruppen: Horoskope werden unabhängig von Alter, Berufsgruppe, Schulbildung oder politischer Orientierung etwa gleichhäufig gelesen. Allerdings gibt es geschlechtsspezifischen Unterschiede: etwa 34 % der Männer und 17 % der Frauen, lesen laut Eigenaussage, gar keine Horoskope. Daher ist es nicht verwunderlich, dass es so gut wie keine Frauenzeitschrift oder Familienzeitschrift ohne Horoskope und kaum eine Männerzeitschrift mit Horoskopen gibt.
Dr. Katja Furthmann hat in ihrer Dissertation etwa 2.800 Texte unter funktionalen, thematischen und formulierungspraktischen Aspekten analysiert. Die Sprachwissenschaftlerin studierte an der Universität Greifswald und der University of Southampton in England die Fächer Germanistik, Anglistik und Kommunikationswissenschaften. Ihre Promotion (erschienen bei Vandenhoeck & Ruprecht -ISBN 3-89971-323-0) am Institut für deutsche Philologie im Fachbereich Germanistische Sprachwissenschaft bei Prof. Dr. Christina Gansel im Bereich Textlinguistik mit dem Titel "Die Sterne lügen nicht. Eine linguistische Analyse der Textsorte Pressehoroskop" wurde mit dem Promotionspreis der Commerzbank Stiftung ausgezeichnet.
In ihrer Doktorarbeit legt Dr. Katja Furthmann unter anderem dar, mit welchen sprachlichen Tricks Horoskope arbeiten, und versucht damit zu begründen, warum sich viele Menschen von Horoskopen so angesprochen fühlen.
"Das zentrale Prinzip bei Horoskopen ist die 'Pseudo-Individualisierung'. Damit wird eine persönliche Bindung bewusst inszeniert." Die Verfasser (zu einem erheblichen Teil Medienagenturen und keineswegs nur Astrologen) von Pressehoroskopen stehen dabei vor einem Dilemma: "Pressehoroskope erscheinen öffentlich in einem Massenmedium und werden für ein großes, anonymes Publikum getextet. Gleichwohl lesen die Rezipienten das Horoskop, weil sie sich angesprochen fühlen und etwas Persönliches daraus erfahren möchten" "Viele Leser suchen in Horoskopen eine Instanz, die an ihrem Leben Anteil nimmt und ihnen Trost und Beruhigung, Lob und Ermutigung, Bestätigung und Beistand signalisiert."
Dabei unterscheiden sich Aussagen abhängig vom Zielpublikum: "Das Horoskop in einer Zeitschrift, die hauptsächlich von sozial Schwächeren gelesen wird, ruft eher zur Kompromissbereitschaft gegenüber dem Chef auf als das Horoskop in einem Magazin für Gutsituierte. Letzteres rät zum Beispiel dazu, das eigene Licht nicht unter den Scheffel zu stellen."
Horoskope in Zeitschriften die mehrheitlich auf finanzkräftige Leser zielen enthalten eher den Ratschlag, sich etwas zu gönnen, etwa in Form eines Wellness-Wochenendes. Für die finanzschwächere Leserschaft wiederum gelte: "Verschieben Sie größere Anschaffungen auf später." Damit scheinen Horoskope auch einen Aspekt zu beinhalten der weniger dem auf das Individuum zielt, sondern im Rahmen der Gesellschaftspolitik und sozialen Ordnung eine Rolle spielt.
Horoskope: Barnum-Effekt / Forer-Effekt
Der Barnum-Effekt (» Wikipedia), auch Forer-Effekt genannt, stammt aus der Psychologie und bezeichnet die Neigung von Menschen, vage und allgemeingültige Aussagen über die eigene Person als zutreffende Beschreibung zu akzeptieren.
Der Begriff geht auf den Zirkusgründer Phineas Taylor Barnum zurück, der ein riesiges Kuriositätenkabinett unterhielt, welches für jedem Geschmack etwas bieten konnte ("a little something for everybody").
Professor Bertram R. Forer gab 1948 vor, einen Persönlichkeitstest mit seinen Studenten durchzuführen. Im Anschluss händigte er ihnen vorgeblich die Auswertungen aus und forderte sie auf, den Wahrheitsgehalt mit Werten von 0 (= trifft gar nicht zu) bis 5 (= trifft sehr gut zu) zu bewerten. Das Ergebnis war, dass der durchschnittliche Student der Auswertung 4,26 Punkte gab.
Groß war die Überraschung, als den Studenten eröffnet wurde,
dass alle den exakt gleichen Text zu bewerten hatten, den Forer aus den Horoskopen einer am Kiosk erhältlichen Zeitschrift
zusammengestellt hatte. Seither wurde der Test - mit dem gleichen Text - unzählige Male wiederholt. Der Durchschnittswert pendelte dabei immer um den Wert von 4.
Plädoyer für den Begriff der industriellen Massenkultur
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"Im letzten Jahrzehnt ist das Interesse an einem Gebiet der modernen Lebenswelt gewachsen, das bis dahin weitgehend in einem wissenschaftlichen Niemandsland lag. Dies gilt in besonderer Weise für die Dinge und Zeichen, die als materielles und visuelles Inventar der sozialen Räume der industriellen Moderne vorzufinden sind und mit der Architektur die "objektive Kultur" bilden.
Ein inspirierender Impuls zur beginnenden Erforschung dieses Feldes ergab sich aus den innovativen Perspektivenbildungen der Alltagsgeschichte.(4) Bei Studien, die den lokalbezogenen Raum, die Geschichte "vor Ort", zum Gegenstand hatten, die Themen der Industriegeschichte oder der Industriearchäologie bearbeiteten, entwickelte sich an den entdeckten Spuren, den musealisierten materiellen Artefakten, Fotographien und unerschlossenen Zeugnissen, ein geschärfter Blick auf die großteils außerhalb einer reflexiven wissenschaftlichen Bearbeitung verbliebenen Felder der modernen Zivilisation.(5) Die neue Wahrnehmung führte dazu, dass sich unsere Aufmerksamkeit nicht allein auf die Historizität der Zeichen und deren semantische Kontexte richtete, sondern diese zunehmend als vielschichtig präsente, materielle Hinterlassenschaften der Alltagskultur und somit als Objektivationen des menschlichen Handelns erkannt wurden."
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"In dieser Vermittlungsfunktion gewannen die Praktiker der Werbung weitreichende Bedeutung für die moderne Zivilisation, indem sie in strategischer Absicht attraktive Bilder hervorbrachten, um die Eigenschaftszuschreibungen und Gebrauchswertversprechen des Konsums den potentiellen Käufern gegenüber zunächst verbal und bald vor allem visuell zu präsentieren.
In diesem Konzept der industriellen Massenkultur sind somit die Alltagsrituale und -erfahrungen, die modernen Mythen und Symbole als Teil der Geschichte der Moderne eingeschlossen, ebenso die Folgen des Verbrauchs dieser industriellen Objekte und Ressourcen, wie sie sich als Umweltgeschichte darstellen.(17)"
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Quelle: [Prof. Dr. Wolfgang Ruppert, UDK Berlin]
Interpretation / Horoskope