Was bedeutet der Begriff Performativ?

Der Begriff Performativ ist relativ neu. Er wurde zuerst in den 50iger Jahren des letzten Jahrhunderts von John Langshaw Austin verwendet um eine spezielle Kategorie sprachlicher / grammatikalischer Äußerungen abzugrenzen. Performativ bezeichnet eine "Sprachhandlung" - d.h. eine Handlung die durch das Sprechen selbst geschieht. Sprache bezeichnet hier nicht nur - die performativen Sprechakte entfalten sozusagen "materielle Wirkungen" das heißt, sie stellen etwas in dem Moment her, in dem sie es bezeichnen. Beispiel:
"Ich taufe dieses Schiff auf den Namen 'Enterprise'."



Der Begriff "Performativ" bzw. "Performativität" wurde von John Langshaw Austin (How to do things with words; Harvard University Press, 1962 — die deutsche Übersetzung erschien 1972: Zur Theorie der Sprechakte, Reclam) geprägt und beschreibt eine Klasse sprachlicher Konstruktionen. Beispiele für performative Verben:

Sie sind (hiermit) vorgeladen.
Ich warne Sie (hiermit).
Ich taufe Dich (hiermit) auf den Namen .
Ich erkläre euch (hiermit) zu Mann und Frau.
Ich schöre (hiermit) die Wahrheit zu sagen.

Das wäre damit erledigt!

Sozusagen im Augenblick des Sprechens wird diese Aussage "Wirklichkeit". Eine performative Formel zeichnet sich dadurch aus, dass das Adverb »hiermit« zur Verdeutlichung eingefügt werden kann.

Wobei sich die Frage stellt, ob es sich tatsächlich um eine Handlung handelt, und nicht um eine Inszenierung oder Beschwörungsformel. Ein Grund, warum die Ritualforschung und die Soziologe dieses Phänomen genauer untersuchen. Denn Performative Äußerungen können nur innerhalb eines Systems kultureller, gesellschaftlicher oder staatlicher Normen und Konventionen "gelingen". Ein weiterer Aspekt beruht auf dem vom Sprachphilosophen Bruno Liebrucks herausgearbeiteten Sachverhalt, dass, wer zu einem anderen spricht, auch immer zu sich selbst spricht. Die oben angefügten Normen und Konventionen wären dann in Bezug auf den Sprecher, als normative Denk -und Wahrnehmungsmuster zu ergänzen. Performative Sprechakte werden allgemein als selbst-referentiell angesehen.
1. Das Verb enthält bereits die Beschreibung dessen, was "getan werden soll". 2. Der Akt des Sprechens dieses Verbes ist der entscheidende Teil der sogenannten Handlung.
Sprachphilosophisch lassen sich performative Sprechakte nicht mit den üblichen Methoden analysieren, da ihre Aussage per definitionem "Wahr" ist, und damit ihre Bedeutung unmittelbar feststeht (auch wiederrum zirkulär, da ja die Bedeutung wie oben dargelegt den sozio-kulturellen Normen unterliegt, die in der Regel von den Handlungspartnern impliziert akzeptiert werden, sofern sie überhaupt gefragt werden (siehe das Kind im Fall der Taufe)

Anmerkung: soll die Handlung des "sprechens" selber benannt werden, also das Äußerungsereignis, so wird der Begriff "Sprechhandlung" verwendet.

Weitere Forschungen auf dem Gebiet der Linguistik zum Thema Performanz wurden druchgefürht und mündeten in der Sapir-Whorf Hypothese. In Kurzform ist ihre Aussage: Sprache formt die Weltanschauung bzw. das Denken.

Noch ein Beispiel aus dem Alltag: "Hiermit distanzieren wir uns von den Inhalten aller gelinkten Seiten." Es wurde von Austin u.a. darauf hingewiesen, dass solche Konstruktionen nur in einem bestimmten sozialen und semiotischen Umfeld sinnvolle Aussagen ergeben. D.h. die Beachtung gewisser Regeln ist notwendig. Mit "Es werde Licht" funktioniert es eben eher seltener.

Performanz

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Für meinen Ansatz bildet die Performativitätstheorie Judith Butlers ein wichtige Grundlage. Butler benennt drei kategoriale Dimensionen der signifikanten Leiblichkeit in bezug auf das Geschlecht: das anatomische Geschlecht (sex), die geschlechtlich bestimmte Identität (gender identity) und die Performanz der Geschlechtsidentität (gender performance).(5)
Überträgt man diese drei Kategorien auf das Alter, das ebenso wie Geschlecht als Dimension signifikanter (also bedeutungstragender) Leiblichkeit angesehen werden kann, so ergibt sich die Unterscheidung des biologischen Alters von der Altersidentität und der Performanz der Altersidentität. Alter wird nicht nur biologisch und pathologisch bestimmt, kalendarisch gezählt, gefühlt und sozial normiert, sondern eben auch performativ inszeniert und das sowohl unbewußt als auch strategisch geplant. Butler verknüpft in ihrer Verwendung des Performanzbegriffs den Aspekt der Ausführung mit dem der Aufführung, wenn sie eine performative Handlung als eine solche charakterisiert, die das, was sie benennt, [selbst, Anm. d. Verfasserin] hervorruft oder in Szene setzt.(6)
Unter Performativität versteht sie die die ständig wiederholende und zitierende Praxis, durch die der Diskurs die Wirkungen erzeugt, die er benennt.(7)
In Übertragung eines auf das Geschlecht bezogenen Zitats von Judith Butler läßt sich so die These aufstellen: Die Akte, Gesten und Inszenierungen des Alters erweisen sich insofern als performativ, als das Wesen oder die Identität, die sie angeblich zum Ausdruck bringen, vielmehr durch leibliche Zeichen oder andere diskursive Mittel hergestellte und aufrechterhaltene Fabrikationen / Erfindungen sind.(8)

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5 Judith Butler. Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt/M. 1991. S. 202.
6 Judith Butler: Für ein sorgfältiges Lesen, in: Seyla Benhabib, Judith Butler, Drucilla Cornell, Nancy Fraser: Der Streit um die Differenz. Feminismus und Postmoderne in der Gegenwart. Frankfurt/M. 1993. S. 122-132. S. 124.
7 Judith Butler: Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Aus d. Amerikanischen v. Karin Wördemann. Berlin 1995. S. 22. (Titel der Originalausgabe: Bodies that Matter. New York 1993.)
8 Judith Butler. Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt/M. 1991. S. 200.

[Quelle: Aging trouble. Aging Studies und die diskursive Neubestimmung des Alter(n)s — Dr. Miriam Haller, Universität zu Köln - 30. Green Ladies Lunch, 2009]



Performative Rituale im Alltag

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»Erziehung bei Tisch. Zum Zusammenhang von Rituale und Performativität« lautet der Arbeitstitel von Audehms Doktorarbeit. Anthropologen in aller Welt haben ein neues Forschungsgebiet entdeckt: AlltagsRituale. Früher studierten sie das Klassenbewusstsein brasilianischer Plantagenarbeiter oder Fruchtbarkeitstänze im afrikanischen Busch, heute finden sie ihre Forschungsobjekte in der eigenen Nachbarschaft, mitten in der modernen Gesellschaft.

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Und auch der kurze Kuss zwischen Liebenden, bevor sie schlafen gehen, hat eine tiefere Bedeutung, als lediglich Zärtlichkeit zu vermitteln. »Häufig werden diese Rituale erst dann bewusst vermisst, wenn sie einmal vergessen oder im Streit nicht vollzogen werden«, schreibt Lorelies Singerhoff in ihrem soeben erschienenen Buch Rituale (mvg Verlag). »Die Macht der Alltags-Rituale liegt darin, dass sie sich unendlich geschickt anpassen«, sagt der Anthropologe Christoph Wulf

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Rituale bringen durch ihre Festlegung und Wiederholung einen vertrauen- erweckenden, beruhigenden Hintergrund ins Leben, hat Singerhoff festgestellt. Kindern, denen jeder Tag eine Fülle von Neuigkeiten bringt, gibt es ein Gefühl der Sicherheit, wenn sich manche Dinge nicht ändern: Jeder Abend muss vom Vorlesen der Gutenachtgeschichte bis zur exakten Reihenfolge Kuss - Zudecken - Licht aus genau gleich ablaufen. Und wehe, wenn der Babysitter dieses Rituale nicht kennt!

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»Das Schöne an den Ritualen ist, dass man nicht an sie glauben muss«, sagt der Indologe Axel Michaels, Sprecher des Sonderforschungsbereichs Ritualdynamik an der Universität Heidelberg, »man muss sie einfach nur machen.« Deshalb ist es auch für viele ungläubige Jugendliche selbstverständlich, zur Konfirmation oder zur Firmung zu gehen. »Auch bei einer Hochzeit müssen die Eheleute nicht an die ewige Liebe glauben, damit das Rituale gültig ist.«

[Quelle: Die Zeit - Wissen : Piep, Piep, Piep - Guten Appetit! Andrea Schuhmacher ZEIT Wissen 06/2006]

 

Performativer Selbstwiderspruch

Zitat: Es ist bedauerlich, dass man unter den Menschenrechten das Recht vergessen hat, sich selbst zu widersprechen. [Charles Baudelaire]

Ein performativer Widerspruch ist ein Widerspruch, der durch Sprechakte hervorgebracht wird, deren Inhalt zumindest formal, als wahr angenommen werden (muss). Zum Beispiel: "Ich bin sprachlos". In diesen Widersprüchen widerspricht der Inhalt der Proposition der Bedingung ihrer Ausführung.

Ein weiteres Beispiel, ist das Paradoxon des Epimenides: Ein Kreter sagt: "Alle Kreter sind Lügner".

Auch wenn nicht mit den klassischen performativen Formen der Sprache vergleichbar, illustrieren beispielsweise einige Wortspiele, indem sie einen Sprachlichen Doppelsinn aufbauen, und damit die konventionelle Interpretation ad absurdum führen, die Gegenwart performativer Akte in unserer Alltagssprache.

 

Alltags-Rituale und Erziehung in Familien

(im Rahmen des Projektes Die Hervorbringung des Sozialen in Ritualen und Ritualisierungen innerhalb des SFB Kulturen des Performativen): "Im Zentrum des Projektes stand die empirische Erforschung des Essensrituals in vier Familien. Unter Einsatz von Gesprächsanalysen, Teilnehmender Beobachtung, Gruppengesprächen und Leitfadeninterviews wurde das gemeinsame Familienessen als Rituale unter der Fragestellung analysiert, inwieweit hier die Familie als Bildungs- und Sozialisationsinstanz einerseits und als Gemeinschaft andererseits hervorgebracht, beglaubigt und bestätigt wird, und wie sich Erziehung in den Familien während des Essens konkret vollzieht." [Kathrin Audehm, Universität Berlin]

 


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